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Hessens Sparpolitik : Saldo universale

Die private European Business School (EBS) plant neben ihrem großen Campus im benachbarten Oestrich-Winkel im Rheingau eine juristische Fakultät im alten Wiesbadener Gerichtsgebäude Bild: dpa

Während Hessens öffentlichen Universitäten sparen müssen, kann die private European Buisiness School (EBS) durch einen Zuschuss von 25 Millionen Euro jetzt die Juristenausbildung in Wiesbaden eröffnen - und sich gleichzeitig in die lange Reihe der privaten Subventionsempfänger stellen.

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          Dreißig Millionen Euro müssen Hessens Universitäten demnächst jährlich einsparen. 24,7 Millionen schießt Hessen demnächst der privaten "European Business School" (EBS) zu, damit sie in Wiesbaden die Juristenausbildung eröffnen kann. Stadt und Land sollen gar 50 Millionen Euro aufbringen, die Stadt vor allem für das Gebäude, das die EBS bezieht. Hier 30 Millionen weniger, dort 25 Millionen mehr. Man muss beides nur nebeneinander halten, um zu sehen, welche Fragen derzeit die hessischen Universitäten beschäftigen: Welche Prioritäten setzt Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU)? Und was ist eigentlich privat an einer privaten Hochschule?

          Dass es im strikten Sinne gar keine Privatwirtschaft gibt, ist klar. Das dürfte zwar an der EBS nicht gelehrt werden, aber wem es nicht an Stromkonzernen, Automobilherstellern oder Banken deutlich wird, der hat an vielen Privathochschulen das beste Beispiel. Universitäten wie die von Witten/Herdecke und die Jacobs Universität Bremen, beide in privater Trägerschaft und von staatlicher Unterstützung abhängig, sind dabei ein anderer Fall. Sie bieten ein vergleichsweise großes Spektrum an Fächern an. Schulen wie die EBS hingegen setzen auf die Bereitschaft von wirtschaftlichen Elitenanwärtern, eine praxisnahe und an Netzwerke angeschlossene Ausbildung für das gehobene Management zu erhalten; Spitzenmanager werden nur ausnahmsweise von solchen Schulen rekrutiert. Etwa 12 000 Euro Studiengebühren nimmt man dafür im Jahr in Oestrich-Winkel, dem Stammsitz der EBS.

          Wiesbaden ist nun Universitätsstadt

          Ein faires Geschäft, muss man vermuten, denn gerade Leute mit Ambition auf Vorstandsassistenzen und dergleichen, oder deren Eltern werden gewiss gut ausgerechnet haben, ob dieser Preis stimmt. Kann sich eine solche Schule am Markt halten, sind alle Schmähreden, hier werde eine Elite erzogen, die nicht auf Leistung, sondern auf Kontaktanbahnung beruhe, hinfällig. Außerdem kommt ein Viertel der Betreffenden in den Genuss von Stipendien oder Vorschüssen. Wozu dann aber Geld vom Staat? In Wiesbaden sollen Anwälte für privatrechtliche Belange ausgebildet werden. Im Kuratorium der Juristenschule sitzen Vertreter renommierter Kanzleien. Auch das ist recht und billig. Die Hamburger "Bucerius Law School" zeigt seit zehn Jahren, dass die Reform der Juristenausbildung auch durch Differenzierung von Hochschultypen betrieben werden kann. Allerdings wird in Hamburg die Wissenschaft nicht zugunsten der Ausbildung kleingeschrieben; man hat sich das Promotions- und Habilitationsrecht erworben.

          Mit der Juristenschule erlangt die EBS ihrerseits das Recht, sich Universität zu nennen. Dafür genügen nach hessischem Recht absurderweise schon zwei Fächer; fast jede Fachhochschule hat mehr. Wiesbaden aber freut sich, denn es kann sich nun Universitätsstadt nennen, was ungefähr so informativ ist wie der Titel "Wissenschaftsstadt" für Straubing und Fürth, die ihn seit 2007 führen. Liegt für die Regierenden Hessens hierin der Charme jener gewaltigen Subvention?

          Politischer Wille, nicht fiskalische Not

          Das Argument des EBS-Präsidenten Christopher Jahns, er beklage sich ja auch nicht, wenn staatliche Universitäten private Spenden einwürben, sollte er allerdings noch einmal von einem seiner Ökonomen und Öffentlichrechtlern überarbeiten lassen. Denn private Spender müssen sich vor überhaupt niemandem rechtfertigen, der Staat hingegen schon. Viel schlüssiger wäre es da seitens der EBS, sich einfach in die große Reihe der privaten Subventionsempfänger, neben Bauernhöfe, Krankenhäuser und Sportvereine zu stellen. Doch das mag nicht so gut zum marktwirtschaftlichen Effizienzgedanken passen, den man an derlei Hochschulen gern zum Kern der Lehre macht. Es wäre jedenfalls interessant zu sehen, wie die Themen Wohlfahrtsstaat und Subvention in Zukunft an der EBS behandelt werden.

          Und es wird interessant sein zu sehen, wie die hessische Wissenschaftspolitik in Zukunft darlegt, dass die Sparbeiträge, die sie den Hochschulen abverlangt, auf politischem Willen und nicht auf fiskalischer Not beruhen.

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