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Gysis Doktorarbeit : Nicht für den Klassenfeind geeignet

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Ein linientreuer Promovend, der nicht einmal die Gunst der politischen Entspannungsphase nutzte: Gregor Gysi Bild: dpa

Von wegen seit jeher aufmüpfig: Gregor Gysi zeigte sich 1975 in seiner Dissertation als durchaus beflissener Diener des SED-Staates, der selbst die größten Verirrungen des sozialistischen Rechts verteidigt.

          In seiner Autobiographie „Das war's. Noch lange nicht!“ von 1995 stellt sich Gregor Gysi als heimlichen Kritiker der SED-Diktatur dar. Innerlich eigentlich auf der Seite der von ihm verteidigten Regimegegner („Havemann habe ich respektiert und geschätzt, Bahro mochte ich und mag ich“), habe er bisweilen „zwischen den Stühlen“ gesessen. So beschreibt er seine Rolle im Prozess gegen Robert Havemann, dem Gysi 1979 als Pflichtverteidiger beigeordnet worden war. Für diese These hat er Unterstützer, die als Beleg auch Gysis Doktorarbeit „Zur Vervollkommnung des sozialistischen Rechts im Rechtsverwirklichungsprozess“ anführen, die er im August 1975 bei der Berliner Humboldt-Universität (HU) einreichte und im folgenden Januar verteidigte. Gysi habe darin Missstände bereits angeprangert, als andere noch geschwiegen hätten. Aufmüpfig, mutig, prinzipienfest.

          Auch sein damaliger Doktorvater Karl Mollnau gehört zu den Fürsprechern des Vorsitzenden der Bundestags-Linken. Die „kryptisch formulierte Themenstellung“ der Dissertation habe einen Autor erfordert, der „intellektuelle Lust und Risikobereitschaft zu kleinen rechtspolitischen Gratwanderungen“ mitgebracht hätte, lässt sich Mollnau 2005 in der Gysi-Biographie von Jens König zitieren Und Journalist König - heute beim „Stern“, zuvor bei der „taz“, noch früher Chefredakteur des einstigen FDJ-Zentralorgans „Junge Welt“ - reicht die in der Dissertation vertretene Anregung, den DDR-Gerichten ein Vorschlagsrecht einzuräumen, wie Gesetzesinhalte praxisnäher gestaltet werden können, um den letzten Vorsitzenden der SED-PDS zu einer Mischung aus Stauffenberg und Schwejk zu stilisieren. Aber was König verschweigt: Gysis Vorschlag war 1975 weder neu noch mutig, sondern in der Sowjetunion längst realisiert. Gysi selbst verweist in der Arbeit darauf. Mehrfach.

          Tatsächlich belegt die Dissertation das Gegenteil: Der Doktorand Gysi war kein Quälgeist der SED, sondern ihr Diener. Als er sie einreichte, gehörte er bereits einer privilegierten Schicht an. Er war FDJ-Sekretär seines Studienjahrgangs und jüngster Anwalt der DDR gewesen und gehörte dem parteitreuen Berliner Anwaltskollegium an, was einer Karriere nicht abträglich war.

          Bedingt ausleihbar

          König ist bislang einer der wenigen, die sich mit der Schrift überhaupt beschäftigt haben. Ausgewertet wurde sie noch nicht. Denn sie umgibt ein Irrtum: Unauffindbar sei die Doktorarbeit des „flotten Gregor Gysi“, klagte noch im November 2008 der Liedermacher Wolf Biermann in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der HU. Hartnäckig hält sich diese Behauptung. Dabei existieren noch mindestens drei der sechs Exemplare, die er gemäß der DDR-Promotionsordnung von 1969 einreichen musste. In öffentlichen Bibliotheken, etwa in der Leipziger Nebenstelle der Deutschen Nationalbibliothek, sind sie zugänglich für jeden, der danach fragt.

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