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Schreibszene Frankfurt : Autor wird man nicht nur in Berlin

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Frankfurter Flaneur: der Autor Wilhelm Genazino in der Töngesgasse Bild: Falk Orth

Das Graduiertenkolleg „Schreibszene Frankfurt“ schlägt eine Brücke zwischen einsamer Schreibarbeit und Literaturbetrieb. Am Ende soll ein Modell stehen, dass für alle Städte gilt.

          Der von Literaturwissenschaftlern wie Rüdiger Campe geprägte Begriff „Schreibszene“ meint ursprünglich die intime, handwerkliche Situation des Schreibens. Das Forschungsprojekt „Zur Genealogie des Schreibens“ unter der Leitung von Martin Stingelin befasste sich bereits mit der Literaturgeschichte des Begriffs. Die dort entstandenen Publikationen untersuchten unter anderem die Schreibszenen im Mittelalter und in der digitalen Zeit und befassten sich mit Autoren wie Roland Barthes und Walter Benjamin.

          In dieser Tradition ist es irreführend, dass die Literaturwissenschaftlerinnen Susanne Komfort-Hein und Julika Griem das Graduiertenkolleg, das sie von Januar des kommenden Jahres an an der Goethe-Universität leiten werden, „Schreibszene Frankfurt“ nennen. Griem, Professorin am Institut für England- und Amerikastudien, bezeichnet den Begriff Schreibszene in diesem Zusammenhang selbst als „heikel“. Sie hatte zuvor an der Technischen Universität Darmstadt mit Stadtsoziologen gearbeitet. Ihr Ziel ist es nun, in Anlehnung an Bourdieu, Literaturwissenschaft und Soziologie intelligent zu verknüpfen. „Wir wollen die Schreibszene größer machen“, sagt Griem. „Wir haben nach einem Begriff gesucht, mit dem man einen Stadtbezug schaffen kann.“ Man fand ihn im Literaturbetrieb.

          Es geht also nicht, wie der Begriff Schreibszene nahelegt, primär um die Erforschung in Frankfurt arbeitender Autoren, obwohl es dafür gute Möglichkeiten gäbe, wie die Reihe „Frankfurter Premieren“ in der Historischen Villa Metzler, bei der Bücher von Autoren und Verlagen aus Frankfurt vorgestellt werden. Es sei zwar nicht ausgeschlossen, dass sich Arbeiten mit Frankfurter Schriftstellern wie Martin Mosebach oder Wilhelm Genazino beschäftigen. Das Graduiertenkolleg solle aber kein spezifisches Frankfurt-Projekt und keine Forschung über Frankfurtliteratur sein, sagt Komfort-Hein.

          Die Stadt als Labor

          Wer Autor werden will, geht nach Berlin oder studiert an den Instituten in Hildesheim oder Leipzig. Frankfurt gehört vielleicht nicht zu den ersten Adressen junger Literaten, wird aber von vielen geschätzt. Der Lyriker Marcus Roloff kam vor zwölf Jahren für ein Verlagspraktikum in die Stadt, traf auf einer Lesung den Verleger, der sein zweites Buch „Gedächtnisformate“ herausgab, und blieb. Was folgte, beschreibt er als „eine Art Ankommen, ein Ausschwärmen auch als Autor, nicht mehr nur als Besucher. Zum Teil machte ich auf mich aufmerksam, zum Teil wurde man es, denn Frankfurt ist klein, man läuft sich irgendwann über den Weg.“ Frankfurt sei gut zu ihm, sagt er, in Berlin etwa sähe es ganz anders aus, allein dadurch, dass dort viel mehr Lyriker leben. Er habe Gleichgesinnte und Freunde gefunden, aber, so Roloff: „Am Ende sitzt man da mit seinen Gedichtentwürfen und muss da allein durch.“ Die ursprüngliche Schreibszene ist einsam.

          Im Graduiertenkolleg „Schreibszene Frankfurt“ wird die Stadt als Labor betrachtet. „Frankfurt ist eine Literatur- und Bankenstadt, also können wir die Verflechtung von Ökonomie und Buch hier besonders dicht untersuchen“, sagt Komfort-Hein. Die Stadt eigne sich außerdem, weil sie überschaubar sei. „Es gibt im institutionellen Gefüge, was Literatur betrifft, jede Position fast nur ein Mal“, sagt Griem. „Ein Literaturhaus, einen Börsenverein, eine Messe, ein paar große Verlage, eine große Zeitung. Insofern entstehen keine Schwierigkeiten dadurch, dass die Akteure untereinander konkurrieren.“ Die Betonung müsste dabei auf dem „fast“ liegen. Erst im Februar hatte sich Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, in einem offenen Brief an den Kulturdezernenten Felix Semmelroth über Konkurrenzveranstaltungen durch die Stadt, vor allem die kostenlosen „Open Books“-

          Lesungen während der Buchmesse, beschwert. Die Fischerverlage sind nach dem Umzug von Suhrkamp der größte Verlag, aber auch der kleinere Schöffling Verlag veröffentlicht ein anspruchsvolles literarisches Programm, um nur ein Beispiel zu nennen. Wie bei jedem Modell scheint es in dem Projekt zunächst einmal um die Vereinfachung zu gehen.

          Im Vordergrund stehen die Stoffe

          Zwischen den Akteuren aus dem Literaturbetrieb und der Universität werden bereits vielfältige Arbeitsbeziehungen gepflegt. Griem nennt Oliver Vogel, Programmleiter für deutschsprachige Literatur bei S. Fischer, sowie Hauke Hückstädt als wichtige Partner. Diese Partnerschaften, sagt sie, hätten ihrer Einschätzung nach den Ausschlag bei den Gutachtern gegeben, die über die Förderung entschieden. Die Volkswagenstiftung unterstützt das Forschungskolleg im Rahmen der Förderinitiative „Hochschule der Zukunft“ mit rund 1,4 Millionen Euro. Ein Herzstück der Forschung soll die Frankfurter Poetik-Dozentur sein, die Komfort-Hein leitet. Die Autoren, die als Dozenten nach Frankfurt kommen, sollen in das Kolleg integriert werden. Möglich wäre es auch, sich Formate wie „Eine Stadt liest ein Buch“ anzuschauen, sagt Griem.

          Sieben Doktoranden und einen Stipendiaten für eine Post-Doc-Stelle wird das Kolleg aufnehmen. Die Jungwissenschaftler sollen nicht nur auf eine universitäre Laufbahn vorbereitet werden, sondern sich auch für einen Beruf in den untersuchten Feldern wie im Lektorat, Verlagswesen oder Journalismus qualifizieren. Verbindungen zu entsprechenden Akteuren sind geknüpft.

          In der Hauptsache soll das Kolleg aber ein Pilotprojekt sein, bei dem die Stoffe im Vordergrund stehen. Konkretisieren werden sich die Inhalte des Kollegs, sobald aus den Bewerbern und ihren Forschungsvorhaben die Stipendiaten ausgewählt sind. Mit ihrem Programmtext hätten sie nur einen groben Rahmen vorgegeben, sagen Griem und Komfort-Hein. Sie sind nun gespannt, wie die Bewerber ihn mit ihrer Erfahrung und ihrer Phantasie füllen.

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