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Germanistik in der Krise? : Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht

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Braucht die gegenwärtige Literaturwissenschaft wirklich neue „Rampenlichter“ wie den 2001 verstorbenen Hans Mayer? Bild: Picture-Alliance

Die deutsche Literaturwissenschaft taugt nichts, meint der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe. Doch weil die Kritik die falschen Probleme benennt, läuft sie leider ins Leere.

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          Der Journalist Martin Doerry echauffiert sich im aktuellen „Spiegel“ auf sechs Seiten darüber, dass germanistische Professoren zu wenig ins Rampenlicht drängen. Nach Lektüre des Artikels könnte man beinahe den Eindruck gewinnen, es wäre ganz gut, wenn die deutsche Literaturwissenschaft unterm Radar fliegt. Denn das dort gemalte Bild ist äußerst trist: „Namenlose Nachfolger“ von Großgermanisten kämpfen um ihre Claims. Das Fach zerfasert und reagiert auf die „Überforschung“ seiner Gegenstände mit theoretisch hochgezüchteten Texten, die niemand versteht und niemand braucht.

          Auf der Seite der Studierenden sieht es nicht besser aus: Etwa 80000 sind derzeit im weitaus beliebtesten geisteswissenschaftlichen Fach eingeschrieben. Die Professoren, so scheint es, leiden unter jungen Leuten mit mangelnder Arbeitsmoral und Rechtschreibschwäche, die keine Leseerfahrung mitbringen, Schiller für einen Komponisten und Goethe für „irgendso’n Toten“ halten.

          Subjektive Impressionen als Grundlage eines Urteils

          Das ist nicht wegen der Klagen lesenswert, denn die Rede von der Krise der Germanistik kam bereits vor einem halben Jahrhundert auf. Es war die Zeit jener literaturwissenschaftlichen „Giganten“ wie Hans Mayer, Peter Wapnewski, Eberhard Lämmert oder Walter Jens, deren Stimmgewalt Doerry nun vermisst. Am Verlust der großen Männer kann es nun also wirklich nicht liegen. Und warum wünscht man sich überhaupt den eindrucksvollen Ordinarius zurück, um daran die öffentliche Wirkung einer Disziplin zu bemessen? Doerry selbst arbeitete jahrzehntelang beim „Spiegel“, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Über mangelnde Aufmerksamkeit muss er nicht klagen, und studiert hat er Germanistik. So wie viele public intellectuals, die Medienpräsenz entfalten und trotzdem öffentlich die Öffentlichkeitswirksamkeit der Germanistik vermissen.

          Interessant ist der Beitrag, weil er wichtige Fragen stellt, aber treffende Antworten schuldig bleibt. Dies liegt daran, dass subjektive Impressionen hochgerechnet werden und als Grundlage für ein Urteil über „die“ Germanistik genügen. Das passiert immer wieder. So stammt etwa ein von Doerry zitierter Artikel über den letzten Germanistentag von einer Reporterin der „Zeit“, die – wie sie offen bekannt hat – nur kurz vorbeigeschaut und die meisten Vorträge verpasst hat. Auf dem Kongress hätten „800 Wissenschaftler und Deutschlehrer eher über Nichtliterarisches wie Film, Comic und Computerspiel“ beraten? Man muss das Programm nur überfliegen, um zu wissen, dass das falsch ist.

          Wie Berlin, nur ohne Stadtplan

          Bei den meisten Universitätsfächern trauen sich Beobachter nicht so schnell, ihre Wünsche und Vorlieben für allgemeinverbindlich zu erklären. Warum fällt es bei der Germanistik so leicht? Es dürfte etwas damit zu tun haben, so legt eine Umfrage unter Studierenden nahe, dass das „eigene Interesse“ für ausschlaggebend gehalten wird und dann mit der Realität kollidiert. Die Folgen für das germanistische Image sind gravierend. Sehr unterschiedliche Anforderungen werden an das Fach herangetragen und je für sich zum Maßstab für das Ganze erklärt. Im „Spiegel“-Artikel scheint es einmal, als verriete die Germanistik die Literatur an populäre Medien. Dann aber wünscht man sich wieder, sie möge ihre traditionellen Gegenstände hinter sich lassen, den „Jargon der ‚Populisten‘“ entlarven, „in den Medien“ gegen „völkische“ Parolen antreten oder sich der „durchfiktionalisierten Welt“ insgesamt widmen.

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