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Germanistik in der Krise? : Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht

  • -Aktualisiert am

Unter dem Sprachpanzer

Bei der Klage über den Zustand der Germanistik ist zudem eine eigentümliche Größenphantasie im Spiel: das Verlangen nach einer dominanten Person, nach einer Stimme, die über die Grenzen der Disziplin geachtet wird, nach Welterklärung und Allzuständigkeit. Ist es das, was die Studierenden von der Germanistik wollen? Bei einer Umfrage an der Berliner Humboldt-Universität im vergangenen Wintersemester antwortete die große Mehrzahl, dass ihre Lehrer und Lehrerinnen sie zum Studium der Germanistik motiviert hätten – weit vor den Eltern, Freunden oder gar der Studienberatung. Den Deutschunterricht sollte die Germanistik also nicht geringschätzen, und zwar aus einem egoistischen wissenschaftlichen Interesse an Studierenden, mit denen man in ein inspirierendes Fachgespräch treten kann.

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Noch ein Wort zum Fachjargon: Die „hermetische Sprache“, so wird der ehemalige Germanist Richard David Precht von Doerry referiert, „verhelfe den akademischen Akteuren zum sogenannten Distinktionsgewinn“, um dann zu erläutern: „oder, um es auch hier einfach zu sagen, zu dem Gefühl, sie seien deutlich klüger als der Rest der Menschheit“. Die Erläuterung jedoch ist bedeutungsärmer als die ursprüngliche Formulierung. Denn mit dem Begriff „Distinktionsgewinn“ wird die Kulturtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu aufgerufen, der sich Gedanken über die soziale Funktion der Wissenschaftssprache gemacht hat. Fachbegriffe sind Teil eines langwierigen Sozialisationsprozesses. Sie dienen als Abkürzungen für komplexe Sachverhalte, die sich wissenschaftliche Gemeinschaften über einen langen Zeitraum hinweg erarbeiten.

Natürlich gibt es Germanisten, die in einem „Sprachpanzer“ hausen und durch Wortdunst ihre handwerklichen Fehler verschleiern. Das ist bei Ärzten, Heizungsbauern oder Juristen nicht anders. Aber es gibt eben auch jene Germanisten, die mit einer Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Fachs hinaus rechnen dürfen, und das sind gerade nicht diejenigen, die Literaturwissenschaft in leichter Sprache betreiben. Man denke an Heinrich Detering, den ästhetisch und politisch unbestechlichen Präsidenten der Darmstädter Akademie, an Marina Münkler, die als Mediävistin die aktuelle Lage Deutschlands mit historischer Tiefenschärfe beobachtet, oder an den Germanistik-Kritiker Albrecht Koschorke, der auf der Grundlage seiner Fachkarriere brillante Studien zu sozialen und politischen „Narrativen“ entwickelt hat. Und man könnte auch an Persönlichkeiten wie Martin Doerry denken, denen man im Germanistikstudium begegnet und die auch heute noch ihren öffentlichen Platz außerhalb der Universität finden.

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