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Germanistik in der Krise? : Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht

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Der Leistungskatalog lässt sich mühelos erweitern: Lehramtsausbildung von der Grundschule bis zum Gymnasium, Aufmerksamkeit für den Literatur- und Kulturbetrieb, Verfassen von Artikeln und Büchern für eine breite Öffentlichkeit, akribische Detailforschung mit höchstem philologischem Anspruch, Versatilität in allen möglichen Medien, Theoriekontexten und Künsten und dergleichen mehr.

Solche unvereinbaren Ansprüche überfordern einzelne Personen. Damit deutet sich die Antwort auf eine weitere gute Frage an: Warum wirken viele Germanisten verzagt und haben sich in der Krisenstimmung eingerichtet? Strukturell überfordert ist jedoch eben nur der Einzelne, nicht „die“ Germanistik. Die meisten im Lehrbetrieb bemühen sich, möglichst vielen etwas zu bieten: den Klugen und weniger Klugen, den Studierenden aus gebildeten und bildungsfernen Milieus, den Interessierten und den habituell Gelangweilten. Die Forderungen von Doerry gehen ins Leere, weil all das, was er vermisst, stattfindet. Man muss nur die Funktions- und Leistungsvielfalt eines Fachs in den Blick nehmen. Mit der Germanistik ist es ein wenig wie mit Berlin: Wem die Stadt nicht gefällt, war im falschen Stadtteil. Oder er mag einfach keine Metropolen, in denen man vor der Qual der Wahl steht. Ein Problem für die Rede über „die“ Germanistik besteht mithin darin, dass es keinen Stadtplan gibt, der für Überblick sorgt. Wie also gelangt man zur angemessenen Beschreibung eines ganzen Fachs?

Gegenstände werden „überforscht“

Eine der Problemvermeidungsantworten lautet: Es mangle der Germanistik an disziplinärer Identität. War früher alles übersichtlicher? Nach Berechnungen des amerikanischen Soziologen Andrew Abbott haben Fächer wie die Germanistik um 1930 jene Phase überschritten, in der man mit einem Lesepensum von ungefähr 700 Seiten in der Woche den Publikationsausstoß einer Disziplin bewältigen konnte. Spätestens seitdem ist das „Fach“ eine virtuelle Größe, bei dem man auf Schätzwerte angewiesen ist. Die Krisendiagnose zunehmender Unübersichtlichkeit verkennt aber ebenso eklatant die Konflikte der Vergangenheit wie die bemerkenswerte Stabilität in der Gegenwart. Um den Blick dafür zu öffnen, muss man sich allerdings die Praxis anschauen und den Selbstbeschreibungen der Akteure misstrauen.

Wenn Vertreter großer Forschungsförderungsinstitutionen es mit germanistischen Gutachtern zu tun haben, fällt ihnen eine erstaunliche Konvergenz in den Bewertungsstandards auf. Wer renommierte Zeitschriften des Fachs oder Überblicksdarstellungen analysiert, stößt seit Jahrzehnten auf einen stabilen Kanon an Autoren und Werken, auf gleichbleibende interdisziplinäre Orientierung und auf eine Zunahme genuin germanistischer Forschungsbezüge. Probleme ergeben sich weniger aus der vielgescholtenen Wetterwendigkeit des Fachs, sondern aus dessen Unbeweglichkeit, weil dadurch Gegenstände tatsächlich „überforscht“ werden. Inspiration kommt unter anderem von Seiten der Digital Humanities, die der „Spiegel“-Artikel aber nur als Kuriosität streift. In der Arbeit mit großen Textkorpora tauchen literaturhistorische Kontinente auf, die der genauen Lektüre wert sind.

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