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Generation Y : Der Aufstand der jungen Ärzte

  • -Aktualisiert am

Sehnsucht nach einer anderen Medizin: Junge Ärztin bei einer chirurgischen Übung Bild: dpa

Die Krise der Medizin ist ihre große Chance: Das Bild des Arztes wird sich in Deutschland verändern - und die Patienten können davon nur profitieren.

          Sie wollen lieber geregelte Arbeitszeiten als Karrieren, sie wollen Kinder, eine Familie, ein Leben jenseits von Übermüdung und ständigen Konfliktsituationen - klingt doch ganz vernünftig. Das Bild der neuen Ärztegeneration, das Christina Hucklenbroich in „Generation Y: Der alte Arzt hat ausgedient“  gezeichnet hat, ist jedoch ein zutiefst zynisches. Die jetzt zwanzig- bis dreißigjährigen Ärztinnen und Ärzte werden in pauschaler Weise charakterisiert als selbstverliebte, egoistische Persönlichkeiten, die „ein Problem für die Medizin“ darstellen, unter anderem, weil sie ihre Überstunden bezahlt haben möchten und „lieber den Job wechseln, als sich anzupassen“.

          In großen Teilen beruft sich der Artikel auf Untersuchungen des Chirurgen Christian Schmidt, der auch selbst zu Wort kommt. Verständlich, dass sich die wirtschaftlich Verantwortlichen unserer Krankenhäuser - zu denen Schmidt als medizinischer Geschäftsführer der Kliniken der Stadt Köln zählt - Sorgen machen müssen: Sorgen darüber, dass das Ausbeutungsprinzip vergangener Jahrzehnte endlich Risse bekommt. Dass der autoritäre Drill mit straffen Hierarchien, der Medizinstudenten innerhalb weniger Semester die Illusion nahm, dass es in ihrem Beruf in erster Linie um die Patienten und nicht um die Chefs geht, nicht mehr ohne weiteres toleriert wird.

          Viele Ältere sind unzufrieden

          Jetzt rächt sich die eingespielte Unmenschlichkeit der Medizin-Maschinerie. Jeder dritte Absolvent einer medizinischen Fakultät - gemessen am Abiturdurchschnitt die Besten unter den Guten - wirft nach einem aufwendigen und anspruchsvollen Studium das Handtuch und ergreift eine andere Tätigkeit. Der Beruf des Hausarztes, einst als Lotse im Dschungel des Gesundheitssystems gepriesen, stirbt aus. Fachärzte wandern ins Ausland ab. Es ist also kein Zufall, dass es 12 000 offene Ärztestellen an Krankenhäusern und Kliniken gibt, wie der Marburger Bund vor zwei Jahren errechnet hat. Bis in zehn Jahren sollen es mehr als 30 000 sein.

          Ein von Studenten im persönlichen Gespräch oft genannter Grund für diese Entscheidung ist der in den klinischen Praktika häufig erlebte Zynismus ihrer älteren Kollegen. Es liegt nicht daran, dass die junge Generation von ihren Eltern, der „Generation Babyboomer“, übermäßig gelobt wurde und deshalb „nicht kritikfähig“ sei und besonders hohe Ansprüche an ihr Arbeitsumfeld habe, wie die Autorin nahelegt. Die Stellen sind nicht besetzt, weil die junge Generation von Ärzten sieht, wie schwer sich gute Medizin in diesem System umsetzen lässt und wie unzufrieden viele Ärzte der älteren Generation mit ihrem Arbeitsalltag sind.

          Deformation durch Stress

          Jahrzehntelang kalkulierten die Finanzpläne von Krankenhäusern automatisch ein, dass der Nachwuchs der Ärzte monatelang umsonst arbeitete und endlose unbezahlte Überstunden machen musste. Dass dies die Betroffenen gleichzeitig wegen Übermüdung immer wieder in Konfliktsituationen brachte, wurde geflissentlich übersehen. Familienväter mussten sich von Einjahresverträgen zu Einjahresverträgen hangeln, Mütter wechselten am besten gleich den Beruf, da sich Schwangerschaft und Kinder nicht mit den Dienstplänen akkordieren ließ. Und jetzt wagt es die junge, überwiegend weibliche Generation von Ärzten, Kindergärten zu verlangen! Sie wehrt sich gegen Burnout, Depression und Sucht, die in ärztlichen Berufen überproportional häufig sind, und fordert „sinnvolle Arbeitsinhalte“, ein Verhalten, das scheinbar nicht nur vom Kollegen Schmidt bedauert wird.

          Für die Finanzplaner der Krankenhäuser mag es schmerzhaft sein, dass sie künftig mehr Gelder für Menschen als für Maschinen ausgeben müssen, weil die jungen Ärzte flexible Arbeitszeitmodelle fordern und einen anderen Führungsstil, Feedback und partizipatives Coaching. Für die Patienten aber ist dieser Wandel in den Einstellungen nur positiv. Die nächste Generation der Mediziner nämlich stellt sowohl gute Medizin als auch Menschlichkeit in den Mittelpunkt ihrer Visionen. Das betrifft den Umgang mit Patienten genauso wie die Beziehungen in einem multiprofessionellen Team, das nicht nur aus Ärzten besteht, sondern auch aus Pflegekräften, Sozialarbeitern und Therapeuten. „Achtung und Respekt“, „Kommunikation und Beziehung“, „Ressourcen und Zeit“ werden deshalb am häufigsten genannt, wenn Verbände junger Mediziner wie MuM (Medizin und Menschlichkeit), EinHerz und Medizin mit Herz und Hand Workshops oder Seminare zum Selbstbild junger Ärzte veranstalten.

          Nicht die Fähigkeit zur Selbstaufgabe macht einen guten Arzt aus, sondern die Fähigkeit zur verantwortlichen Fürsorge, die auch die Selbstfürsorge und das Wissen um die eigenen Grenzen beinhaltet - das lehren alle großen Medizinsysteme. Dass die Generation Y dafür Sorge trägt, ist nicht Ausdruck einer hedonistischen Lebenseinstellung oder eines egoistischen Wunsches nach wenig Arbeit und viel Geld: Es ist die Sehnsucht nach einer anderen Medizin. Stress trägt nicht zur „Persönlichkeitsformung“ bei, wie Schmidt behauptet, sondern zur Deformation von Menschen, und zwar auf eine Weise, die viele von ihnen krank macht. Wer aber selbst unter krank machenden Umständen arbeiten muss, kann keine anderen heilen. Das haben die Angehörigen der kommenden Ärztegeneration glücklicherweise erkannt.

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