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Teilzeitarbeit : Der hohe Preis des Privatlebens

  • -Aktualisiert am

Frau und Mutter – für manche Chefs ist das ein doppeltes Manko. Bild: Picture-Alliance

Weniger arbeiten, mehr verdienen: Das wünschen sich viele Arbeitnehmer. Doch das führt zu indirekter Diskriminierung – und Frauen sind gleich doppelt betroffen.

          5 Min.

          Seit ein paar Jahren ist es amtlich. Junge Amerikaner, die zwischen 1982 und 1999 geboren wurden und zur sogenannten Generation Y gehören, möchten vor allem zwei Dinge: weniger arbeiten und mehr Geld. Klingt unlogisch? Ist aber nicht unmöglich.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn wünschen darf man sich bekanntlich vieles, und im Fall der Generation Y (oder Generation Millennials oder Generation Me, wie sie auch genannt wird) stehen die Chancen, dass sie ihre Vorstellungen wenigstens zum Teil durchsetzen kann, gar nicht mal so schlecht – nicht nur in den Vereinigten Staaten, auf die sich die 2010 im „Journal of Management“ veröffentlichte Studie „Generational Differences in Work Values“ bezog. Sondern auch hierzulande, wo eine ähnlich umfassende Untersuchung zu den sich verändernden Werten der Nachkriegsgenerationen zwar noch aussteht. Wo sich nach Einschätzung mehrerer Fachleute aber ein ähnliches Phänomen beobachten lässt: Myriam Bechtoldt beispielsweise, die an der Frankfurt School of Finance and Management die Professur Organizational Behaviour innehat, spricht mit ihren Studenten regelmäßig über deren Arbeitseinstellungen und stellt dabei immer wieder fest, dass ihnen Autonomie und die vielzitierte „work-life-balance“ wichtig sind. Wer die private Hochschule besuche, investiere viel, sagt Bechtoldt. „Die Leute hier wollen Karriere machen.“ Aber aufgrund des demographischen Wandels seien sie schon jetzt in besonderer Weise privilegiert und umworben, und das wüssten sie auch. Die angehenden Führungskräfte in Deutschland dürften also über eine deutlich bessere Verhandlungsposition verfügen, als ihre Väter und Mütter sie noch hatten.

          Effektiv, aber ehrlos: Teilzeitarbeit

          Dass auch die sich über eine geringere Arbeitszeit durchaus freuen würden, hat dabei erst dieser Tage eine andere Umfrage gezeigt. Im Juli erschien der Führungskräfte-Monitor 2015, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erstellt. Die meisten Männer und Frauen, die in Vollzeit als Führungskräfte arbeiten, „würden gerne ihre Arbeitszeit verkürzen“, heißt es darin, und zwar durchschnittlich um sieben bis acht Stunden in der Woche (also von etwa 45 auf deutlich unter 40 Stunden). Da allerdings gerade Führungskräfte Jobs innehaben, zu denen es nach allgemeiner Erwartung gehört, mehr und vor allem länger zu arbeiten, als vertraglich vereinbart ist, gestaltet sich die Sache besonders für Frauen schwierig. Denn nach wie vor, auch dies zeigt der aktuelle Führungskräfte-Monitor, sind es überwiegend die Frauen, die sich auch um die Familienarbeit kümmern, um Kinder und Haushalt. Weitaus häufiger als Männer treten sie dafür auch beruflich kürzer, arbeiten nicht mehr den ganzen, sondern den halben Tag oder vier statt fünf Tage in der Woche.

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          Diese Teilzeitmodelle haben allerdings vor allem unter Führungskräften keinen guten Ruf. Noch immer, sagt Myriam Bechtoldt, werde der Wunsch, in Teilzeit zu arbeiten, als Signal gewertet, dass für den Arbeitnehmer etwas anderes wichtiger sei als der Job. Unabhängig vom Geschlecht, würden Eltern im Hinblick auf Commitment, Leistungsmotivation und Verlässlichkeit niedriger eingeschätzt. „Insbesondere Mütter werden aber auch als weniger kompetent beurteilt.“ Hinzu komme natürlich, dass Teilzeitkräfte, egal, ob männlich oder weiblich, an bestimmten „sozialen Events“ innerhalb des Unternehmens nur eingeschränkt teilnehmen könnten - sei es auch lediglich der längere Plausch in der Kaffeeküche oder während der Zigarettenpause. All dies führt dazu, dass Teilzeitkräfte am informellen, aber wichtigen Informationsfluss innerhalb der Unternehmen nur begrenzt teilhaben, dass ihre Netzwerke weniger ausgebaut sind, was beispielsweise ihre Aufstiegschancen einschränkt. Und das, obwohl diverse Studien schon gezeigt haben, dass Teilzeitkräfte sogar effektiver arbeiten als in Vollzeit Beschäftigte: Wer weiß, dass ihm weniger Zeit bleibt, nutzt diese Zeit oft sinnvoller – führt eben weniger Kaffeegespräche und macht weniger Zigarettenpausen.

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