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Recht auf Affen-Genom : Dürfen wir Tiere patentieren?

Das Immunsystem genetisch „humanisiert“: Die Patent-Anmeldung wurde im letzten Moment zurückgezogen. Bild: dpa

Kaum ein Tier ähnelt dem Menschen genetisch mehr als der Schimpanse. Deswegen muss er als Versuchstier herhalten. Auf sein Genom wollen Forscher ein Patent anmelden. Wenn wir das nicht tun, heißt es, machen es die Chinesen.

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          Dass das Patentamt immer noch der Ort ist, an dem der Mensch von Zeit zu Zeit sein Verhältnis zu anderen Kreaturen auf die Probe stellt, sagt einiges über die menschliche Moral aus. Wir finden dort, wie sich diese Woche beim Europäischen Patentamt in München einmal mehr zeigte, einfach keinen festen Boden, auf dem unser Gewissen ruhen könnte.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zur Verhandlung standen Einsprüche gegen das Patent EP1409646 der amerikanischen Firma Altor Bioscience; ein Patentantrag, der – wie das Konsortium der dreizehn Patentgegner monierte – jeder modernen ethischen Sicht widerspreche, weil es sich auf „menschliche Affen“, sprich: auf Schimpansen und damit unsere allernächsten Verwandten, bezieht.

          Die Firma wollte dem ursprünglichen Antrag zufolge neben anderen Versuchstieren Menschenaffen gentechnisch so verändern, dass diese ein menschliches „humanisiertes“ Immunsystem aufweisen. An ihnen sollte getestet werden, wie sich spezialisierte Abwehrzellen (T-Zellen) als wirksame Waffe gegen Krankheiten einsetzen oder gar künstlich verstärken lassen.

          Meerkatzen statt Schimpansen

          Kurz vor der Verhandlung der Patentansprüche gegen diese Pläne hat die Firma einen nicht näher erläuterten Rückzieher gemacht: Der Patentschutz möge nun doch nur noch für „humanisierte“ Mäuse und Ratten gelten. Dass das Patent dann dennoch von der Kammer wegen mangelnder „Erfindungshöhe“ widerrufen wurde, lag nicht an den moralischen Einwänden gegen Mäuse- und Rattenversuche, sondern schlicht daran, dass technische Einwände der kommerziellen Wettbewerber gegen das Patent zum Zuge kamen.

          Also ein „Schimpansen-Patent“ weniger. Aber längst nicht alle Patente auf Menschenaffen haben sich durch dieses einmalige Einknicken erledigt. Gegen eine Handvoll weiterer solcher Patente laufen in München entsprechende Einspruchsverfahren; im September stehen weitere Entscheidungen an. Dass überhaupt noch Menschenaffen zum Gegenstand solcher Patentkonflikte werden können, liegt vor allem an der amerikanischen Forschungspraxis.

          Dort werden bis heute Hunderte Schimpansen in Forschungsinstituten gehalten, auch wenn die wenigsten von ihnen als Versuchstiere genutzt werden. In fast allen anderen Ländern sind Schimpansen durch Meerkatzen wie Makaken oder Krallenaffen ersetzt worden. Und fast immer geht es, wie schon bei Mäusen, Ratten, Ziegen, Schweinen oder Kühen, um gentechnisch veränderte Zuchten. Tierarten als solche waren wie Pflanzenarten noch nie patentierbar.

          Nur ein Drittel wird genehmigt

          Das hatte sich auch mit dem „Krebsmaus“-Patent Ende der achtziger und den Folgerechtsstreitigkeiten der neunziger Jahre nicht geändert. Dennoch hat sich die zunehmende künstliche – erfinderische – Erzeugung von genetischen Tiervarianten mit besonderen Eigenschaften im Europäischen Patentübereinkommen niedergeschlagen – und erst recht in der EU-Richtlinie aus dem Jahr 1998, in dem die Tür für ein Umgehen des generellen Verbots von Tier- und Pflanzenartenpatentierungen offengelassen wurde. Und zwar für solche „Erfindungen“, deren medizinischer Nutzen für die Patentprüfer erkennbar ist und der darüber hinaus auch noch die Leiden der Tiere rechtfertigt. Freilich: Die „guten Sitten“ und die öffentliche Ordnung“ sollen nicht unter der Nutzung des Patents leiden.

          Damit allerdings geraten die Patentprüfer in immer schwierigere Fahrwasser. Noch ist die Zahl der Tierpatente gering; sie beträgt in Europa 433 Genehmigungen in den letzten zwanzig Jahren bei insgesamt 1600 Anträgen. Verglichen mit amerikanischen Zahlen, ist das in der Tat wenig; und die Prüfer genehmigen auch nur knapp ein Drittel der Patentanträge – deutlich weniger als etwa im IT-Bereich.

          Tiere als Krankheitsmodelle

          Doch die neue gentechnische Revolution, die sich derzeit unter Begriffen wie „Genome Editing“ mit rasantem Tempo und dem Anspruch höchster molekularer Präzision über den Globus ausbreitet, dürfte das schnell ändern. Stefan Treue vom Primatenzentrum sieht eine Welle von „spekulativen Patenten“ auf die Patentbehörden zurollen.

          Vor allem asiatische Forscher, Chinesen in erster Linie, möchten offenbar reihenweise genveränderte Krallenäffchen monopolisieren. Immer geht es dabei um Tiere als sogenannte „Krankheitsmodelle“: Alzheimer-Modelle, Multiple-Sklerose-Modelle, Krebsmodelle. Um Tiere also, an denen menschlichen Leiden simuliert werden sollen, denen mit einfachen Reagenzglasversuchen nicht beizukommen ist.

          Vertreten durch Aktivisten

          Die Zahl der kommerziellen Institutionen, die diesen Markt der Tiermodelle forcieren und sich mit Urheberrechten abzusichern versuchen, wächst zusehends. Zwar gelten Menschenaffenversuche bei den allermeisten als Auslaufmodell, weil sie nicht nur ethisch, sondern auch von der zoologischen Seite her immer näher an den Menschen heranrücken – mit entsprechenden erweiterten Rechtsansprüchen, vertreten durch Aktivisten.

          Aber die Angst, von einer Erfindungswelle überrollt zu werden, steckt den Wissenschaftlern ersichtlich in den Gliedern, wie Treues Verweis auf die Innovationskraft der asiatischen Konkurrenz verdeutlicht: „Irgendwann haben die Chinesen die Krankheitsmodelle und wir die Krankheiten.“

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