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Gastbeitrag: Einstein Stiftung in Gefahr : Ein Ende mit Schrecken?

  • -Aktualisiert am

Er sieht in den jüngsten Etatkürzungen eine existenzielle Bedrohung der Einstein Stiftung: der Präsident der Freien Universität Berlin Peter-André Alt Bild: picture alliance / Frank May

So wird die Forschungsförderung radikal in die Krise gekürzt: Warum die Auflösung der Berliner Einstein Stiftung ein fatales Signal wäre.

          5 Min.

          Es war nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick, als Jürgen Zöllner, damals Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung, im Sommer 2007 den Berliner Hochschulen seinen Masterplan erläuterte. Das Herzstück des Konzepts bildete ein „International Forum of Advanced Studies“, das die exzellenten Forschungsbereiche versammeln und eine Art Super-Cluster mit eigenen Promotionskollegs bilden sollte. Dafür waren jährlich vierzig Millionen Euro aus dem Landeshaushalt vorgesehen - als Ergänzungsfinanzierung, wie es damals hieß. Die Universitäten nahmen das Vorhaben gleichwohl kritisch auf, weil sie fürchteten, fortan nur noch auf die Rolle höherer Ausbildungsstätten beschränkt zu werden.

          Als Jürgen Zöllner Ende Oktober 2007 sein Projekt im Akademischen Senat der Freien Universität vorstellte, herrschte nervöse Stimmung. Die Freie Universität hatte wenige Tage zuvor den Exzellenzstatus errungen und fürchtete nun, man wolle sie in zwei Teile zerlegen: eine Normaluniversität und eine unter fremdem Dach organisierte Eliteabteilung. Die Humboldt-Universität wiederum befand sich in der schwierigen Lage, dass sie zwar auf eine Finanzierung ihres von den Exzellenz-Gutachtern abgelehnten Zukunftskonzepts durch die neue Institution hoffen, aber die strategische Abwehrlinie der Hochschulen nicht durchbrechen durfte. Zum schwierigen Start trug auch der problematische Titel des Vorhabens bei, den nicht der Senator, sondern die Berliner Presse geprägt hatte: „Super-Uni“. Das weckte bei manchen den Gedanken, hier sei eine heimliche Eliteuniversität geplant, in deren Schatten die durchaus erfolgreichen Hochschulen des Landes ein dürftiges Dasein hätten fristen müssen.

          Das 40-Millionen-Versprechen

          Der Beginn war in jeder Hinsicht holperig. Erst protestierten die Universitätspräsidenten, danach gab es Streit um die Rechtsform, schließlich legten sich das Abgeordnetenhaus und der Rechnungshof quer. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis die teils massiven Einwände überwunden waren. Das gelang auch deshalb, weil die neue Einrichtung in kluger Konzentration auf ein überschaubares Format begrenzt wurde. Von Auslagerung der Spitzenforschung und eigener Doktorandenförderung war keine Rede mehr.

          Die 2009 gegründete „Einstein Stiftung“ repräsentierte eine gemeinnützige Einrichtung, in die bis zu vierzig Millionen Euro jährlich aus dem von Zöllner durchgesetzten Rahmenplan „Wissen schafft Berlins Zukunft“ fließen sollten. Der Förderzweck zielte auf Internationalisierung und nachhaltige Unterstützung wissenschaftlicher Spitzenprojekte. Eine wesentliche Aufgabe bestand darin, tragfähige Großvorhaben, deren reguläre Finanzierung ausgelaufen war, längerfristig abzusichern. Dazu wurde die Förderlinie der „Einstein-Zentren“ aufgelegt, die gemeinsame Projekte von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen stabilisieren sollte.

          Der Prototyp dieses Programmbereichs geht gerade an den Start; es handelt sich um das „Einstein-Zentrum für Mathematik Berlin“, das drei gut etablierte Institutionen zusammenführt: das „Matheon“ als DFG-Forschungszentrum, die im Exzellenzwettbewerb geförderte „Berlin Mathematical School“ für die Doktorandenqualifizierung und das „Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik“. Bis 2017 erhält das neue „Einstein-Zentrum für Mathematik“ etwa acht Millionen Euro für seine Aktivitäten. Damit bietet das Programmformat mittelfristig Ausbaumöglichkeiten für gewachsene Strukturen, die von den Trägeruniversitäten nicht aus ihrem staatlichen Zuschuss abgesichert werden können.

          Auch andere Projektlinien der Einstein Stiftung erwiesen ihren Nutzen für den Wissenschaftsstandort. Dazu zählen vor allem die Einstein-Professuren, die eine komplementäre Finanzierung kostspieliger Berufungen sichern, die Fellowship-Programme für internationale Gäste, die Junior Fellowships und die Zuschüsse für die Vorbereitung neuer Gemeinschaftsvorhaben. Mittlerweile fördert die Stiftung zweiunddreißig Forschungsvorhaben und Veranstaltungsformate, darunter achtzehn aus den Natur- und Lebenswissenschaften, zehn aus den Geistes- und vier aus den Sozialwissenschaften. Das Spektrum der Themen reicht von der Stammzelldifferenzierung über Stoffwechsel- und Gehirnforschung, Thermoelektrik und Katalyse bis zu Medizingeschichte und Spieltheorie. Das Auswahlverfahren leitet eine international besetzte wissenschaftliche Kommission; die Erfolgsquote ist niedriger als in manchen DFG-Förderlinien, was von strengen Qualitätsmaßstäben zeugt.

          Vorgeschichte einer Sparentscheidung

          Die Universitäten haben nicht einfach nur ihren Frieden mit der Einstein Stiftung gemacht. Sie wissen, dass sie im Wettstreit um gute Berufungen und bei der nachhaltigen Absicherung ihrer Großvorhaben auf zusätzliche Mittel angewiesen sind. Die flossen in den letzten Jahren aus dem Budget der Einstein Stiftung - gewiss nicht derart üppig, wie vom Ideengeber Zöllner ursprünglich erwartet, aber doch so, dass Planung möglich war.

          Nun allerdings ist die Zukunft der Einrichtung unsicher geworden. Der Berliner Finanzsenator Ulrich Nussbaum hat für den anstehenden Doppelhaushalt 2014/15 erhebliche Kürzungen im Budget gefordert. Von 12,5 Millionen soll sich der Jahresansatz ab 2014 auf 2,5 Millionen Euro reduzieren; ein späterer Aufwuchs ist vorgesehen, aber keineswegs sicher. Diese Entscheidung hat eine Vorgeschichte: Im April 2010 verließ der Finanzsenator den Stiftungsvorstand, nachdem es Streit über Konstruktion und Kompetenzen des Gremiums gegeben hatte. Nur zwei Monate später kam es zur ersten Etatkürzung, als die Stiftung dreiunddreißig Millionen Euro aus ihren Reserven zur Aufstockung des Kita-Budgets der Stadt beisteuern musste. Da die anfangs erhofften privaten Zustiftungen ausblieben, schmolz das Budget auf diese Weise erheblich.

          Angriff auf die Forschung

          Im Effekt betraf das weniger die gegenwärtige Förderung von Einzelvorhaben als die künftigen Einstein-Zentren, die auf längere Sicht den weiteren Ausbau auslaufender Exzellenzcluster gewährleisten sollten. Schon hier zeichnete sich ab, dass eine zentrale Idee der Stiftung - wissenschaftliche Zukunftsplanung durch bessere Grundsicherung - nur eingeschränkt realisiert werden konnte.

          Mit der nun beschlossenen Radikalkürzung ist jedoch weitaus größerer Schaden verbunden. Es geht nicht allein um die Fortführung bestehender Vorhaben, sondern auch um die Glaubwürdigkeit eines Wissenschaftsstandortes, der sich in den letzten Jahren höchst dynamisch entwickelt hat. Dass Berlin mit seinen Universitäten besser denn je dasteht, verdankt sich einer erfolgreichen Drittmitteleinwerbung und verstärkter Attraktivität im internationalen Vergleich.

          Aber genau diese Leistungsfähigkeit ist bedroht, wenn die Forschungsinfrastruktur nicht auf gleichem Niveau mitwächst. Das Land Berlin hat schon jetzt gewaltige Probleme, die Sanierung seiner Universitätsbauten zu finanzieren. Auf zusätzliche private Fördermittel für Forschung und Entwicklung wiederum hofft die Stadt vergebens. Umso wichtiger wäre eine auskömmlich ausgestattete „Einstein Stiftung“, die das limitierte Grundbudget der Universitäten ergänzt. Dass acht Millionen nicht verausgabter Mittel aus dem vergangenen Jahr übertragen werden können, hilft kurzfristig über den Engpass der Haushaltsperiode, behebt aber das Problem nicht systematisch.

          Der Wissenschaftsrat hat in seinen Empfehlungen aus der letzten Woche vorgeschlagen, dass zukünftig tragfähige Profilkonzepte einzelner Hochschulen von den Ländern prämiert werden sollten. Die Förderlinien der Einstein Stiftung laden zur Ausarbeitung solcher Konzepte ein. Sie müssen aber ausfinanziert sein, damit sich der Antragsaufwand auch in den nächsten Jahren lohnt. Das Land Berlin schadet der Wissenschaft insgesamt, wenn es seine anerkannte Fördereinrichtung zur bloßen Fassade ohne Handlungsfähigkeit macht. Man kann nur hoffen, dass es noch zu einer eingreifenden Kurskorrektur kommt. Denn wie sagte Albert Einstein, der Namenspatron der Stiftung: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

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