https://www.faz.net/-gqz-7mzxf

Frauen in der Aufklärung : Wer aß denn zuerst vom Baum der Erkenntnis?

  • -Aktualisiert am

Johann Heinrich Rambergs Buchillustration „Die gelehrte Frau“’ aus dem Jahr 1803 Bild: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Denkende Frauen sind wie Männer, die sich schminken: Lessings Spott und die Wirklichkeit seiner Zeit. Von der Aufklärung zur Emanzipation war es noch ein weiter Weg.

          3 Min.

          Ob die Ablehnung weiblicher Gelehrsamkeit wirklich mit dem biblischen Sündenfall einsetzt? Heinrich Heine gibt jedenfalls der Schlange alle Schuld, jener „kleinen Privatdozentin, die schon sechstausend Jahre vor Hegels Geburt die ganze Hegelsche Philosophie vortrug“.

          Sicher ist, dass es ewig dauerte, bis Frauen sich wirksam gegen allgemeine Denkverbote erhoben. Lessings Orsina aus der „Emilia Galotti“ übertrifft für lange Zeit die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen an Ironie: „Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zu Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das denkt, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminkt.“

          Maulhelden und Schulfüchse statt Kinder, Haus und Küche

          Molières „Les Femmes savantes“ (1672) lag seit der ersten Übersetzung von 1752 auch in Deutschland im Spott über akademische Ambitionen von Frauen in Führung. Da es dafür aber noch keine Bildungsinstitution gab, gründet bei Molière die selbsternannte Philosophin Philaminte kurzerhand eine eigene Frauenakademie, in der weibliche und männliche Maulhelden und Schulfüchse sich einander mit abwegigen Interessen überbieten.

          Doch in die rückwärtsgewandten Ressentiments des starr patriarchalischen Ehemanns, der nur Kinder, Haus und Küche zur „Philosophie der Frau“ zählt, mochten die Esprits der Pariser Salons damals nicht einstimmen. Ausgesprochen positiv ist hingegen die lebenskluge Position des weltläufigen Clitandre, der verirrte Gelehrsamkeit nur darum hasst, weil „sie des Menschen Geist in falsche Bahnen lenkt“.

          Harmloser Dilettantismus

          Wenn in der Typenkomödie grobe Keile auf klobige Klötze gesetzt werden, mag mancher leichtsinnig ins Gelächter einstimmende Zuschauer irgendwann eigene Vorurteile erkennen. So geht es auch in der unbekannten Molière-Bearbeitung „Die gelehrte Frau“ zu, die der österreichische Aufklärer Cornelius von Ayrenhoff 1775 auf das Wiener Kärntnerthortheater brachte.

          In dem jetzt neu gedruckten Lustspiel (hrsg. von Matthias Mansky, Wehrhahn Verlag, Hannover 2014) hat eine Baronin während der längeren Abwesenheit ihres Gatten eine Akademie gegründet, in der einige Narren wie der Theaterdichter Dramschmied, der galante Poet Windheim, der Altsprachler Schöpfius und der Schöngeist Kühnwitz manche Albernheit veranstalten.

          Dabei wird zwar auch viel Geld für Bücher, Teleskope oder Symposien verschwendet. Im Vergleich zur sonst vorherrschenden frivolen Festkultur der besseren Gesellschaft bleibt es aber doch bei einem recht harmlosen Dilettantismus. Auf die adelige Geringschätzung der Gelehrsamkeit fällt jedenfalls kein weniger aufstörendes Licht, genauso wie auf die Betrügereien eines Haushofmeisters, der die versäumte Buchführung der gelehrten Frau ausnützt.

          Klagende Ehemänner

          Gegenüber Verstößen gegen die eheliche Treue wiegt auch die Hingabe an gelehrte Interessen nicht mehr allzu schwer. So kommt auch der klagende Ehemann in Schillers Gedicht „Die berühmte Frau“ nicht gut weg, weil die Verwandlung seines Engels in einen starken Geist ihn mit Neid erfüllt.

          Die Angst vor Unterlegenheit spielt bei der Verteidigung männlicher Wissenschaftsdomänen bis heute eine entscheidende Rolle. Diese Ambivalenz spiegelt sich bereits in den Satiren der Aufklärung. Johann Heinrich Ramberg, der produktivste Buchillustrator der Goethezeit, zeigt in seinen Variationen auf William Hogarths „Mariage a la Mode“ eine „gelehrte Frau“ bei der Arbeit.

          „Weit weniger kränkend, als vieles andere“

          Die Requisiten ihres Studierzimmers weisen sie als vielseitig interessierte Amateurwissenschaftlerin aus: Ein Musikinstrument, eine antike Vase und präparierte Naturalien werden ergänzt um Lexika und Schriften über etruskische Kunst und die Arabeske. Die Weisheitsgöttin auf dem Sims dient als Haubenstock, daneben hängen ein akademisches Diplom und das Porträt einer Schriftstellerin.

          Doch gleichzeitig tanzen Mäuse auf dem Boden herum, und Spinnen weben in den Zimmerecken, drei unbetreute Kinder treiben Allotria, der Mops langweilt sich auf seinem Polster, und der Ehemann scheint sich im Hintergrund selbst sein kärgliches Süppchen zu wärmen. Wie im Lustspiel ist die Frau nur etwas weltfremd und exzentrisch, verwerflich und böse ist hingegen der Spitzbube, der hinter ihrem Rücken etwas entwendet.

          So endet Ayrenhoffs Stück mit dem gönnerhaften Wort des Ehemanns, „daß Ausschweifungen dieser Art einer Dame weniger nachtheilig, und ihrem Manne weit weniger kränkend sind, als viele andere, worinn man unsre Frauen nicht selten verfallen sieht“. Von denen der Männer aber schweigen - die Männer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Rückbau schreitet unaufhaltsam voran: Sprengung der Kühltürme des Atomkraftwerks Philippsburg.

          Energiewende : Die Zweifel am Atomausstieg wachsen

          Ist der Klimawandel riskanter als die Kernkraft? Ein Mitglied der Kommission zum Atomausstieg hat jetzt Zweifel an der Entscheidung von damals. Doch keine der möglichen Regierungsparteien möchte den Ausstieg rückgängig machen.
          Julian Reichelt am 30. Januar 2020 auf einer Messe in Düsseldorf

          Bild-Chef Julian Reichelt : Sex, Lügen und ein achtkantiger Rauswurf

          Erst bringt die New York Times eine Riesenstory über Springer. Vorher stoppt der Verleger Ippen eine Recherche über den Bild-Chef Reichelt. Der ist seinen Job plötzlich los. Er hat wohl den Vorstand belogen. Die Chaostage sind perfekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.