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Forschungsstipendien : Schwarzarbeit in der Max-Planck-Gesellschaft?

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Dass diese Probleme mehr und mehr hochkochen, liegt an der Entwicklung der vergangenen Jahre. 2004 wurden nur 25 Stipendien an deutsche Doktoranden vergeben - Stipendien dienten bis dato ausschließlich der Förderung ausländischer Doktoranden. 2007 wurde bereits mehr als ein Drittel der deutschen Doktoranden auf Stipendien gesetzt, 2010 lag die Zahl bei 1189 Stipendien für deutsche Doktoranden. Die Zahl der Mitarbeiterstellen hingegen nahm leicht ab.

Jährlich steigender Etat

Es greift auch viel zu kurz, Doktoranden nur als „Auszubildende“ zu betrachten, wie es MPG-Präsident Gruss andeutet, wenn er von „Lehrjahren im Labor“ spricht. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat schon 2005 deutlich gemacht: „Die Zeit der Doktorarbeit allein als Qualifikationsphase zu sehen, käme einer fatalen Fehleinschätzung gleich. Über zwei Drittel der Forschungsleistung der deutschen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der Physik werden von Doktorand(inn)en erbracht.“ Das Stipendiensystem verspottet diese Leistungen, weil es den regulären Beitrag der Stipendiaten zum deutschen Forschungsoutput nicht mit regulären Beschäftigungsverhältnissen dankt. Man könnte auch vom Niedriglohnsektor in der Spitzenforschung sprechen. Nicht zuletzt deswegen hatte eine Initiative von Göttinger MPG-Doktoranden zu einer Unterschriftenaktion für eine angemessenere Bezahlung aufgerufen und die ersten 1000 Unterschriften Ende April der Generalverwaltung in München übergeben.

Eine saubere Lösung wäre die Umwandlung aller Stipendien in tarifliche, sozial abgesicherte, reguläre Beschäftigungsverhältnisse. Trotz angespannter Haushaltslage der MPG, vor allem durch bauliche Projekte, ließe sich dies auch relativ problemlos realisieren. Bund und Länder haben im Pakt für Forschung und Innovation feste Budgeterhöhungen für alle deutschen Wissenschaftsorganisationen beschlossen. Seit 2006 steigt so der Etat der MPG jährlich um drei Prozent, seit 2010 um fünf Prozent. Bei einem Gesamtetat von mehr als 1,3 Mrd. Euro im Jahr 2012 entspricht das einer Erhöhung von mehr als 65 Mio. Euro.

Kein Handlungsbedarf?

Bund und Länder, die zu gleichen Teilen die Max-Planck-Gesellschaft finanzieren, sind hier klar in der Pflicht, sich mit der ausufernden Stipendienvergabepraxis zu befassen. Denn dass eines der großen Aushängeschilder der deutschen Wissenschaftslandschaft als öffentlich finanzierte Institution in erheblichem Umfang Schwarzarbeit duldet oder gar fördert, ist gesellschaftlich betrachtet eigentlich nicht tragbar. Genau dazu hat auch die Fraktion der Partei Die Linke bei der Bundesregierung eine Kleine Anfrage gestellt. In ihrer Antwort bestreitet die Bundesregierung zwar nicht, dass es forschungsfremde Tätigkeiten der Stipendiaten gibt, eine Handlungsnotwendigkeit sieht sie indes nicht.

Dass es auch anders geht, machen einzelne Max-Planck-Institute bereits vor: Sie beschäftigen ihre Doktoranden grundsätzlich regulär, sozial abgesichert und versteuert und suchen für die noch bestehenden Stipendien nach tariflichen Lösungen. Warum das nicht in allen ihren Instituten möglich sein soll, diese Antwort bleibt die MPG bis heute schuldig.

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