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Forschungsförderung : Drei Jahre Nervenkrieg und eine Niederlage

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Weil sie die Seelen fröhlich macht: Kulturgut Kirchenlied (evangelische Gesangbücher aus der Zeit zwischen 1600 und 1850). Bild: Gesangbucharchiv der Universität Mainz

Geraubte Arbeitszeit, undurchsichtige Begründungen, dazu ein hässliches Mäuslein: Anmerkung zu einem ziemlich trostlosen Fallbeispiel für die Forschungsförderung deutscher Akademien.

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          Wenn Berge kreißen, um nach Jahren ein Mäuslein zu gebären, ergibt das volkswirtschaftlich gesehen einen dicken Minusposten. Wenn das Mäuslein auch noch hässlich ist, kommen ästhetische, moralische und politische Minusposten dazu. Eine solche Missgeburt von einem Mäuschen ist der folgende Bescheid:

          “Der Antrag weist nach Ansicht der Wissenschaftlichen Kommission gewisse Mängel auf. Nur die geplante Sammlung der Daten wird grundsätzlich unter dem Aspekt der Kultursicherung anerkannt, zumal hierfür gute Voraussetzungen gesehen werden. In den weiteren Teilbereichen bleibt der Antrag aus Sicht der Wissenschaftlichen Kommission jedoch zu vage und liefert keine klaren Angaben zum Aspekt der Datenbearbeitung und Datenauswertung. Darüber hinaus werden fehlende Auswahlkriterien moniert und Zweifel sowohl an der Kommentierung insgesamt als auch an einem angemessenen Umgang mit der Rezeptionsgeschichte geäußert. Die Wissenschaftliche Kommission stellt außerdem fest, dass für die Begriffe, wie schon in einem Eingangsgutachten moniert, keine schlüssige Argumentation geboten wird. Gerade auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht erscheint der Antrag daher als zu wenig ausgereift.“

          Handelte es sich um das Abriebverhalten optimierter Wohnmobilreifen, um die statistische Erfassung des Schimpfwortvokabulars der Hethiter, um eine Studie über Steuerehrlichkeit oder um die Analyse der Langzeitwirkung von Antidepressiva auf das Denkvermögen? Auf alles scheint die Ablehnungsbegründung zu passen; sie enthält keine einzige fachspezifische Vokabel.

          Worum es konkret ging

          Konkret ging es um einen Langzeitantrag „Kulturgut Kirchenlied“, der ein Internetportal zu entwickeln verhieß, das über jede Anfangszeile und jeden Melodiebeginn Zugang zu den Texten, den Melodien, den Druck- und den Wirkungsgeschichten von 50.000 Liedern schaffen sollte. Dazu gehörten wohlumzirkte Auswertungsprojekte. Der Antrag kam aus dem Interdisziplinären Arbeitskreis Gesangbuchforschung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und dessen Forschungsstelle Gesangbucharchiv, an deren Gründung und Ausbau ich zwanzig Jahre lang maßgeblich beteiligt war und für die ich noch heute ehrenamtlich tätig bin.

          Die Ablehnung kam von der Wissenschaftlichen Kommission der Union der deutschen Wissenschaftsakademien (WiKo), einem Gremium, das Vertreter der acht Akademien, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Bundes und der Länder zusammenführt, um einmal im Jahr über große Anträge zu beraten und ihre Annahme oder Ablehnung zu empfehlen.

          Der Antrag Kulturgut Kirchenlied weise, so wird das Sitzungsprotokoll der WiKo im Ablehnungsschreiben der Mainzer Akademie zitiert, „gewisse Mängel“ auf. Aha. Nur die Datensammlung werde anerkannt - nicht anerkannt wird also, dass ein ambitionierter Plan für eine durchstrukturierte Gesamtdatenbank Kulturgut Kirchenlied vorgelegt worden war, die eine tiefgründige Erschließung des gesamten Feldes Kirchenlied und Gesangbuch ermöglichen sollte. „In den weiteren Teilbereichen“ bleibe der Antrag „zu vage“, wobei nicht mitgeteilt wird, in welchen.

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