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Forschung in Deutschland und Australien : Der Utilitarist und der Umweg-Utilitarist

Umwege? In Australiens Nationalsport, der keine Rückwärtsbewegung kennt, liegt der Kern des Spielgeschehens darin, dass Umwege, je näher man dem Ziel kommt, immer unwahrscheinlicher werden Bild: dpa

Musterbetrieb Australien? Vorbild Deutschland? Ein Treffen der Alexander-von-Humboldt-Stiftung mit ihren Stipendiaten in Sydney führte zur Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Kulturen der Wissenschaftspolitik, die dasselbe Ziel haben.

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          In der Welt der Organisationen gibt es den merkwürdigen Begriff der „best practice“. Er wird immer dann verwendet, wenn eine Organisation - sei es eine Firma, ein Ministerium oder eine Universität - nicht sicher ist, ob sie das, was sie tut, auch gut macht. Was liegt da näher, sagt man sich, als der Vergleich mit anderen Organisationen desselben Typs. Und also werden nach bestimmten Gesichtspunkten Kennziffern erhoben, um die Leistung der Organisationen in Tabellenform zu bringen und gewissermaßen den „Musterbetrieb“ herauszufinden. Dessen Praktiken wird das anderen überlegene Ergebnis dann zugerechnet.

          Merkwürdig ist diese Praktik selbst. Nehmen wir die Wissenschaftspolitik. Denn je nach Gesichtspunkt, den man an sie anlegt, ergeben sich natürlich andere beste Praktiken. Das war gerade bei einem Stipendiatentreffen der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Sydney zu spüren. Während nämlich hierzulande mancher Wissenschaftspolitiker und manche Universitätsspitze in die angloamerikanische Welt schaut, wenn sie Vorbilder suchen, lobten die zu dieser Welt gehörigen Forscher aus Neuseeland und Australien das deutsche System über den grünen Klee. Die Rollenverteilung war dabei klar: Wer die angloamerikanische Welt der Forschungspolitik lobt, hält es mit Begriffen wie „Innovation“ und „Output“, wer hingegen die Deutschen vorbildlich findet, dem gefallen Worte wie „Grundlagenforschung“ und „Geisteswissenschaft“.

          Ein Gewirr von Zahlen

          Für die einen ist darum die Orientierung an Publikationszahlen und eine Forschungssteuerung, die denjenigen begünstigt, der möglichst viel in renommierten Zeitschriften veröffentlicht, eine „best practice“. Australien nimmt hier nach den skandinavischen Ländern weltweit einen Spitzenplatz ein; deutlich vor den Vereinigten Staaten. Jedenfalls dann, wenn man bei den Publikationen die Bevölkerungsgröße mit in Rechnung stellt. Australien gibt dabei über sein „Australian Research Council“ (ARC) anteilsmäßig kaum weniger für Forschung aus als Deutschland über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), nämlich etwa 28 Euro pro Einwohner im Jahr. Aber warum nimmt man die Bevölkerungsgröße - und nicht die Publikationen je investierten Euro in Forschung oder in Lehre oder auf die Zahl der Forscher berechnet? Und warum die Publikationszahlen und nicht die Zitationsraten oder die Stellung der Universitäten in den internationalen Rangtabellen? Mehr oder weniger willkürlich sind schließlich alle diese Zahlen.

          Der Vorstandsvorsitzende des ARC, des dortigen nationalen Drittmittelgebers, der Physiker Aidan Byrne, zeigte bei seinem Vortrag vor den Humboldt-Stipendiaten eine ganze Reihe solcher Tabellen. Doch die Praxis, die er damit als erfolgreich beschrieb, empfanden viele lokale Diskussionsteilnehmer während des Kolloquiums ihrerseits als Zumutung.

          In den Fängen von Wirtschaft und Politik

          Down under wird die Wissenschaft nämlich gern als Beitrag zur Wirtschaft gesehen. Einst gab es in Australien ein Wissenschaftsministerium. Dann wurde es erst in „Ministerium für Innovation und Technologie“ umbenannt, daraufhin die Wissenschaft dem „Ministry for Business, Innovation and Employment“ zugeordnet, um zuletzt gar keinen eigenen Minister mehr zu haben. Der neue australische Ministerpräsident Abbott hat die entsprechenden Zuständigkeiten gerade auf eine Reihe von Ämtern verteilt, darunter das Industrie- und das Bildungsministerium.

          Das wurde, wie das Magazin „Nature“ notierte, von der Ankündigung begleitet, Forschungen zum Klimawandel, in denen Australien führend ist, künftig nachrangig zu behandeln. Australien ist also nicht nur in der Welttabelle der meisten Publikationen in hochrangigen Wissenschaftsjournalen pro Kopf der Bevölkerung ganz vorne, sondern bislang zugleich - aber wohl nicht mehr lange - im Untergebiet Klimaforschung und bei der Emission von Treibhausgasen. Wie wollte man derlei heterogene Befunde nun zu einer „best practice“ und Vorbildlichkeit einer Wissenschaftspolitik aufaddieren?

          Umwege? Der erste Erforscher Australiens war ein Deutscher: Ludwig Leichhardt, geboren 1813, hatte sich in den Kopf gesetzt, eine der weltweit unwirtlichsten Gegenden mehrfach zu durchqueren; verschollen 1848

          Anders gefragt: Wie nützlich sind Utilitaristen? Die Klagen der australischen und neuseeländischen Forscher galten - auf hohem Niveau, wie der eine oder andere deutsche Besucher ihrer Labors zu Protokoll gab - einem Verständnis von Forschung als Instrument zur Hervorbringung eines sehr eng gefassten sozialen Nutzens. Das mache die Fakultäten zu „Yes, Minister-Departements“, die Drittmittelgeber zum verlängerten Arm der Politik. Ein Preis beispielsweise, den das australische System für seine Leistungsfähigkeit bezahlt, ist die immense Ungleichheit zwischen den Hochschulen: Fast siebzig Prozent der ARC-Mittel kommen acht von vierzig Universitäten zugute.

          Ein anderer utilitaristischer Kurzschluss liegt in der Verwechslung von Hochschulen und Firmen. Der in Auckland (Neuseeland) lehrende Chemiker Peter Schwerdtfeger sprach von einem seit dreißig Jahren andauernden Niedergang einer universitären Lehre, der nur eine Vorgabe gemacht werde: gegen hohe Studiengebühren Zertfikate an Absolventen auszufertigen, ganz gleich, was sie können. Wenn die Studenten Kunden sind, dann ist das Zeugnis die Ware. Wie attraktiv ein solches System mittelfristig für intelligente junge Leute ist, steht dahin. Wenn ihnen schon an der Universität eingeredet und vorgelebt wird, dass am Ende der beste Gradmesser für „best practice“ monetäre Größen sind - wie sollten sie da je auf die Idee kommen, ausgerechnet in die Forschung zu gehen?

          Forschung als Zweck, nicht Mittel

          Dass zu wenige Akademiker, die gern studiert haben, in die Politik gehen, das wiederum war für die Religionswissenschaftlerin Majella Franzmann, für Geisteswissenschaften zuständige Pro-Rektorin der Curtin University in Perth, ein Grund für das schlichte Nützlichkeitsdenken im Staat. Sie zitierte einen australischen Abgeordneten, der im Parlament den Titel eines Aufsatzes aus ihrem Gebiet vorgelesen und dann gefragt habe, ob man für „so etwas“ wirklich Geld ausgeben wolle anstatt für die Bekämpfung von Krebs? Heilige Einfalt, der Abgeordnete kannte offenbar nicht einmal die Geschichte der Krebsforschung.

          Das deutsche Wissenschaftssystem, das die in Sydney diskutierenden Australier und Neuseeländer als Stipendiaten der Humboldt-Stiftung kennen, erschien ihnen demgegenüber als eines, in dem Forschung um der Forschung willen noch honoriert werde. Das war nett gemeint - die Deutschen nehmen derzeit ja ohnehin fast überall Weltbeliebtheitsplätze ein, und wer möchte da schon widersprechen? - und beruhte vor allem auf guten Erfahrungen mit der Humboldt-Stiftung selbst. Was die sehr viel stärkere Unabhängigkeit etwa der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von der Politik angeht, mag es auch einstweilen noch zutreffen. Wer hierzulande die Ökonomisierung der Hochschulen und der Wissenschaft schon verwirklicht sieht, dem sei ein Besuch in Queensland oder Wellington empfohlen.

          Schöne neue Forschungswelt? Der Supercomputer Raijin der Australian National University in Canberra ist immerhin nicht nach einer Firma, sondern nach einer japanischen Gottheit benannt

          Dass hierzulande aber die Bibliometrie und das „Ranking“, die Exzellenzräusche und die den Forschern abverlangten Nützlichkeitsfassaden genau so gang und gäbe sind, davon sah das pazifische Lob der Deutschen ab. Wenn es im Gutachten, das der Wissenschaftsrat gerade zur Beurteilung der Alexander-von-Humboldt-Stiftung vorgelegt hat, über den Sinn des Austauschs von Wissenschaftlern heißt, er liege in der „kooperativen Bearbeitung globaler Herausforderungen“ - und es folgt eine Aufzählung, die von Gesundheit über Ressourcen bis zu Sicherheitspolitik reicht -, dann dürfte sich das nicht sehr vom Verständnishorizont jenes Abgeordneten unterscheiden. Zusammen mit dem Fachkräftebedarf der Wirtschaft und der demographischen Entwicklung wird auch hierzulande, salopp formuliert, die Aufforderung zu einem weltweiten Wettbewerb um intelligente Leute immer vernehmlicher. Oder anders formuliert: Wer Geld für Forschung braucht, muss so, nämlich merkantilistisch, formulieren.

          Wichtiger als die absoluten Summen, die der Forschung zur Verfügung stehen, ist also die Art und Weise, wie investiert wird. Die Humboldt-Stiftung, deren Hauptaufgabe es ist, mittels Stipendien ausländische Forscher nach Deutschland zu holen, bietet hier ein gutes Beispiel. „Es sind Personen und nicht Projekte, die wir fördern“, formulierte Humboldt-Präsident Helmut Schwarz in Sydney, „weil wir überzeugt sind, dass die Forschung von Personen getragen wird, weswegen wir auch keinerlei Quotierungen vornehmen, weder was die Fächer noch was die Forschungsthemen oder was soziale Merkmale der Forscher wie ihre Herkunft oder ihr Geschlecht angeht.“

          Köder für kluge Köpfe

          Das ist insofern auch eine ganz realistische Vorgehensweise, als der eigentliche Vorteil, den Deutschland vom Aufspannen eines solchen Fördernetzwerks hat - es umfasst derzeit etwa 26 000 ehemalige und gegenwärtige Stipendiaten -, neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn in den Personenkontakten liegt, die dabei entstehen. Noch einmal Schwarz: „Wir haben keine Universitäten wie Harvard, Oxford oder Princeton, die Studierende aus aller Welt anziehen, die dann in ihren Ländern zur politischen oder ökonomischen Elite gehören. Aber wir haben Humboldt-Stipendiaten, die auf diese Weise Deutschland verbunden sind und die wir in aller Welt ansprechen können.“ Insofern ist es nur folgerichtig, wenn die Humboldt-Stiftung auch in der Gegenrichtung Auslandsaufenthalte deutscher Spitzenforscher fördert, etwa in ihrem Feodor-Lynen-Programm.

          Der Wissenschaftsrat hat in seiner Begutachtung der Humboldt-Stiftung diese Aufgabe unterstrichen, der Stiftung empfohlen, sich ganz auf sie zu konzentrieren, und der Politik, dafür mehr Geld lockerzumachen. Sein wichtigster Vorschlag liegt darin, eine Verlagerung der Zuständigkeit für die Stiftung vom Auswärtigen Amt auf das Wissenschaftsministerium zu prüfen. Auch das darf als Akzentwechsel von der Völkerverständigung, um die es 1953 bei Gründung der Stiftung vor allem ging, hin zum Aufbau wissenschaftlicher Netzwerke verstanden werden, die im Interesse der hiesigen Wissenschaft, aber auch in dem des Landes sind.

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