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Forschung in Deutschland und Australien : Der Utilitarist und der Umweg-Utilitarist

Schöne neue Forschungswelt? Der Supercomputer Raijin der Australian National University in Canberra ist immerhin nicht nach einer Firma, sondern nach einer japanischen Gottheit benannt

Dass hierzulande aber die Bibliometrie und das „Ranking“, die Exzellenzräusche und die den Forschern abverlangten Nützlichkeitsfassaden genau so gang und gäbe sind, davon sah das pazifische Lob der Deutschen ab. Wenn es im Gutachten, das der Wissenschaftsrat gerade zur Beurteilung der Alexander-von-Humboldt-Stiftung vorgelegt hat, über den Sinn des Austauschs von Wissenschaftlern heißt, er liege in der „kooperativen Bearbeitung globaler Herausforderungen“ - und es folgt eine Aufzählung, die von Gesundheit über Ressourcen bis zu Sicherheitspolitik reicht -, dann dürfte sich das nicht sehr vom Verständnishorizont jenes Abgeordneten unterscheiden. Zusammen mit dem Fachkräftebedarf der Wirtschaft und der demographischen Entwicklung wird auch hierzulande, salopp formuliert, die Aufforderung zu einem weltweiten Wettbewerb um intelligente Leute immer vernehmlicher. Oder anders formuliert: Wer Geld für Forschung braucht, muss so, nämlich merkantilistisch, formulieren.

Wichtiger als die absoluten Summen, die der Forschung zur Verfügung stehen, ist also die Art und Weise, wie investiert wird. Die Humboldt-Stiftung, deren Hauptaufgabe es ist, mittels Stipendien ausländische Forscher nach Deutschland zu holen, bietet hier ein gutes Beispiel. „Es sind Personen und nicht Projekte, die wir fördern“, formulierte Humboldt-Präsident Helmut Schwarz in Sydney, „weil wir überzeugt sind, dass die Forschung von Personen getragen wird, weswegen wir auch keinerlei Quotierungen vornehmen, weder was die Fächer noch was die Forschungsthemen oder was soziale Merkmale der Forscher wie ihre Herkunft oder ihr Geschlecht angeht.“

Köder für kluge Köpfe

Das ist insofern auch eine ganz realistische Vorgehensweise, als der eigentliche Vorteil, den Deutschland vom Aufspannen eines solchen Fördernetzwerks hat - es umfasst derzeit etwa 26 000 ehemalige und gegenwärtige Stipendiaten -, neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn in den Personenkontakten liegt, die dabei entstehen. Noch einmal Schwarz: „Wir haben keine Universitäten wie Harvard, Oxford oder Princeton, die Studierende aus aller Welt anziehen, die dann in ihren Ländern zur politischen oder ökonomischen Elite gehören. Aber wir haben Humboldt-Stipendiaten, die auf diese Weise Deutschland verbunden sind und die wir in aller Welt ansprechen können.“ Insofern ist es nur folgerichtig, wenn die Humboldt-Stiftung auch in der Gegenrichtung Auslandsaufenthalte deutscher Spitzenforscher fördert, etwa in ihrem Feodor-Lynen-Programm.

Der Wissenschaftsrat hat in seiner Begutachtung der Humboldt-Stiftung diese Aufgabe unterstrichen, der Stiftung empfohlen, sich ganz auf sie zu konzentrieren, und der Politik, dafür mehr Geld lockerzumachen. Sein wichtigster Vorschlag liegt darin, eine Verlagerung der Zuständigkeit für die Stiftung vom Auswärtigen Amt auf das Wissenschaftsministerium zu prüfen. Auch das darf als Akzentwechsel von der Völkerverständigung, um die es 1953 bei Gründung der Stiftung vor allem ging, hin zum Aufbau wissenschaftlicher Netzwerke verstanden werden, die im Interesse der hiesigen Wissenschaft, aber auch in dem des Landes sind.

Das Erstaunen mancher junger Forscher in Sydney, als ihnen der Münchner Physiker Ulrich Schollwöck freudig zurief, sie sollten nach Deutschland kommen, um von den dortigen guten Bedingungen zu profitieren, war offenkundig. Was ist das denn für ein großzügiger Staat, der auch noch Forscher aus anderen Ländern dafür bezahlt, dass sie das Land, seine Labors und seine Bibliotheken kennenlernen können? Naiv aber, wer darin einen naiven Altruismus sähe, oder eine verträumte Auffassung von Wissenschaft. Doch den Umweg-Utilitarismus, der tatsächlich darin liegt, kann man durchaus zugeben, ohne damit unfreundlich zu sein. Im Gegenteil mag es ja nicht nur die Deutschen erfreuen, wenn sie endlich einmal in die Lage geraten, den eigenen Vorteil dem Rest der Welt gegenüber auf solchen einladenden Umwegen zu suchen, von denen alle etwas haben.

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