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Forschung in Deutschland und Australien : Der Utilitarist und der Umweg-Utilitarist

Das wurde, wie das Magazin „Nature“ notierte, von der Ankündigung begleitet, Forschungen zum Klimawandel, in denen Australien führend ist, künftig nachrangig zu behandeln. Australien ist also nicht nur in der Welttabelle der meisten Publikationen in hochrangigen Wissenschaftsjournalen pro Kopf der Bevölkerung ganz vorne, sondern bislang zugleich - aber wohl nicht mehr lange - im Untergebiet Klimaforschung und bei der Emission von Treibhausgasen. Wie wollte man derlei heterogene Befunde nun zu einer „best practice“ und Vorbildlichkeit einer Wissenschaftspolitik aufaddieren?

Umwege? Der erste Erforscher Australiens war ein Deutscher: Ludwig Leichhardt, geboren 1813, hatte sich in den Kopf gesetzt, eine der weltweit unwirtlichsten Gegenden mehrfach zu durchqueren; verschollen 1848

Anders gefragt: Wie nützlich sind Utilitaristen? Die Klagen der australischen und neuseeländischen Forscher galten - auf hohem Niveau, wie der eine oder andere deutsche Besucher ihrer Labors zu Protokoll gab - einem Verständnis von Forschung als Instrument zur Hervorbringung eines sehr eng gefassten sozialen Nutzens. Das mache die Fakultäten zu „Yes, Minister-Departements“, die Drittmittelgeber zum verlängerten Arm der Politik. Ein Preis beispielsweise, den das australische System für seine Leistungsfähigkeit bezahlt, ist die immense Ungleichheit zwischen den Hochschulen: Fast siebzig Prozent der ARC-Mittel kommen acht von vierzig Universitäten zugute.

Ein anderer utilitaristischer Kurzschluss liegt in der Verwechslung von Hochschulen und Firmen. Der in Auckland (Neuseeland) lehrende Chemiker Peter Schwerdtfeger sprach von einem seit dreißig Jahren andauernden Niedergang einer universitären Lehre, der nur eine Vorgabe gemacht werde: gegen hohe Studiengebühren Zertfikate an Absolventen auszufertigen, ganz gleich, was sie können. Wenn die Studenten Kunden sind, dann ist das Zeugnis die Ware. Wie attraktiv ein solches System mittelfristig für intelligente junge Leute ist, steht dahin. Wenn ihnen schon an der Universität eingeredet und vorgelebt wird, dass am Ende der beste Gradmesser für „best practice“ monetäre Größen sind - wie sollten sie da je auf die Idee kommen, ausgerechnet in die Forschung zu gehen?

Forschung als Zweck, nicht Mittel

Dass zu wenige Akademiker, die gern studiert haben, in die Politik gehen, das wiederum war für die Religionswissenschaftlerin Majella Franzmann, für Geisteswissenschaften zuständige Pro-Rektorin der Curtin University in Perth, ein Grund für das schlichte Nützlichkeitsdenken im Staat. Sie zitierte einen australischen Abgeordneten, der im Parlament den Titel eines Aufsatzes aus ihrem Gebiet vorgelesen und dann gefragt habe, ob man für „so etwas“ wirklich Geld ausgeben wolle anstatt für die Bekämpfung von Krebs? Heilige Einfalt, der Abgeordnete kannte offenbar nicht einmal die Geschichte der Krebsforschung.

Das deutsche Wissenschaftssystem, das die in Sydney diskutierenden Australier und Neuseeländer als Stipendiaten der Humboldt-Stiftung kennen, erschien ihnen demgegenüber als eines, in dem Forschung um der Forschung willen noch honoriert werde. Das war nett gemeint - die Deutschen nehmen derzeit ja ohnehin fast überall Weltbeliebtheitsplätze ein, und wer möchte da schon widersprechen? - und beruhte vor allem auf guten Erfahrungen mit der Humboldt-Stiftung selbst. Was die sehr viel stärkere Unabhängigkeit etwa der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von der Politik angeht, mag es auch einstweilen noch zutreffen. Wer hierzulande die Ökonomisierung der Hochschulen und der Wissenschaft schon verwirklicht sieht, dem sei ein Besuch in Queensland oder Wellington empfohlen.

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