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Folgen der Bologna-Reform : Ein deutsches College ist unausweichlich

Die amerikanischen Colleges, hier eines in New York, sollten als Vorbild für deutsche Hochschulen dienen, findet der Präsident der Uni Hamburg. Bild: dapd

Der Präsident der Universität Hamburg legt eine Streitschrift gegen die Bologna-Reform vor. Wenn man ihre Grundthese umkehrt, ergeben alle ihre Diagnosen einen Sinn.

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          Die neuesten Prognosen sagen den deutschen Hochschulen eine anhaltend starke Nachfrage nach Studienplätzen voraus. Anders als vermutet, so die Kultusministerkonferenz, gehen die Studienanfängerzahlen bis zum Jahr 2020 nicht von gut 500.000 auf rund 450.000 zurück, sondern halten das erreichte Niveau. Die Konferenz der Hochschulrektoren hat sogleich darauf hingewiesen, dass damit der Finanzbedarf bis 2015 um 600 Millionen Euro und bis 2018 um eine weitere Milliarde steigt. Da im selben Zeitraum die Exzellenzinitiative zur Förderung von entsprechend ausgewiesener Forschung ausläuft und andererseits die Schuldenbremse zur Konsolidierung der Länderhaushalte greift, steht das deutsche Hochschulsystem über kurz oder lang vor erheblichen Problemen.

          Doch das sind nur bei oberflächlichem Blick in erster Linie Finanzprobleme. Wie gut sich die Hochschulen um die Studenten kümmern können, hängt vielmehr davon ab, wie viel Zeit und Personal überhaupt für die Lehre verwendet werden. Und nicht für Verwaltung, Drittmittelakquise und „Evaluation“ oder was es an dergleichen Übungen noch gibt, die im vergangenen Jahrzehnt maßlos zugenommen haben. Zum anderen ist fraglich, ob es an deutschen Universitäten überhaupt einen Begriff davon gibt, was man mit den Studenten anfangen möchte, die nicht von sich aus in die Wissenschaft streben. Das Hochschulsystem ist weit entfernt davon, auf diese beiden Fragen eine hilfreiche Antwort zu besitzen.

          Die Mär von der Wissenschaftlichkeit des Bachelors

          Es stellt sie nicht einmal. Weil es sie für beantwortet hält. Die soeben herausgekommene Streitschrift des Präsidenten der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, die einen Angriff auf die Bologna-Reformen enthält, macht das deutlich (Bildung statt Bologna! Ullstein Verlag, Berlin 2014). Galten doch diese Reformen als Antwort auf die Frage, was man den Studenten anzubieten habe, die in immer größeren Zahlen die Hochschule mit Qualifikationserwartungen konfrontieren. Lenzen, von Haus aus Erziehungswissenschaftler, erzählt die Reformgeschichte so: Ursprünglich ging es an deutschen Universitäten um Bildung durch Wissenschaft, forschendes Lernen und akademische Freiheit.

          Unter dem Andrang von immer mehr Studierwilligen sei man von diesen Idealen einer Zeit, als nur ein paar Promille oder Prozent vom Jahrgang überhaupt studierten, abgekommen und habe versucht, die Hochschule auf Berufsbildung auszurichten. Das sei ein zweifelhafter Sieg des angloamerikanischen Universitätsmodells über das klassische deutsche. Lenzen ruft zur Rückkehr auf. Persönlichkeitsbildung müsse als Aufgabe wieder neben „employability“ treten.

          Auch Lenzen hält also die Frage, was gut für die heutigen Studenten sei, schon für beantwortet, die Antwort sei eben nur vergessen worden. Zutreffend beschreibt Lenzen die immense Bürokratisierung als Folge von Bologna, die sich ergibt, weil Studiengänge wie komplizierte Erfolgstechnologien behandelt werden, in deren Betrieb jeder Schritt abgerechnet und juristisch abgesichert sein muss. Dass der Bachelor (BA) ein wissenschaftlicher Abschluss sei, hält er - in Übereinstimmung mit der Tarifordnung des öffentlichen Dienstes - für eine Mär. Mehr als ein Berufsschulzertifikat händige man den Absolventen damit nicht aus, und in vielen Studiengängen sei zudem unklar, auf welchem Arbeitsmarkt der Zettel zählen soll. Und so haben viele am Ende der sechs bis acht Semester weder Bildung („lernendes Forschen“) noch Ausbildung erfahren. Weswegen der Drang in die Masterstudiengänge ja auch erheblich ist.

          Wirkliche Forschung wirft keinen pädagogischen Mehrwert ab

          Doch hülfe hier die Rückkehr zu humanistischen Perspektiven auf die höhere Bildung, die Lenzen anrät? Wenn Lenzen sich von mehr Ethikunterricht verspricht, dass junge Börsianer die Welt nicht mehr auf den Abgrund zutreiben, sind Zweifel erlaubt. Was Persönlichkeitsbildung und andere alte Ideale angesichts einer halben Million Personen heißen könnten, die in der Lehre auf spezialisierte Forscher treffen, nachdem sie sich unter Bologna-Umständen in Kurzstudiengänge mit dichter Kursabfolge eingeschrieben haben, bleibt bei ihm offen.

          Lenzen diagnostiziert eine Stufenabwertung im Bildungssystem. Nach der Kürzung der Gymnasialzeit - und man darf ergänzen: durch die Produktion von Abiturienten um jeden Preis - sei die Hochschule „eine neue gymnasiale Oberstufe geworden, die statt mit dem Abitur mit einem BA endet“. Doch genau an dieser Stelle sitzt auch der Irrtum seiner These, mit den Bologna-Reformen folge die deutsche Universität amerikanischen Idealen. Denn wo wäre das deutsche College, das - integriert in eine Universität oder als Institution eigenen Rechts - die Aufgabe übernähme, nachzuholen, was das zur „High School“ veränderte Gymnasium nicht leisten kann? Es gibt hier und da (Lüneburg, Freiburg, Berlin) Ansätze, und Lenzen notiert im Vorbeigehen, dass die Entwicklung zum College, also zur nachträglichen Hochschulreife, auch auf Deutschland zukommen müsse.

          Dann aber hat die Polemik gegen amerikanische Universitätsideen keinen Sinn. Sollen die deutschen Hochschulen jene Allgemeinbildung nachholen, die ein stark inklusives Gymnasium im Durchschnitt nicht mehr leistet, werden sie sich vielmehr umgekehrt in ihrem Eingangsbereich von der Formel „Einheit von Forschung und Lehre“ verabschieden müssen. Denn die wirkliche Forschung - beispielsweise in Gestalt von Sekundärliteratur - wirft keinen pädagogischen Mehrwert ab, wenn es darum geht, junge Leute zum Denken zu bringen.

          Man braucht dazu auch nicht unbedingt Spitzenathleten aus den Hochdruckgebieten des wissenschaftlichen Publizierens. Es genügen intelligente Lehrer, die man um der Lehre willen dann gerade von Forschung entlasten und jedenfalls nicht allein nach ihrer Forschung beurteilen sollte. Vielleicht hat die besinnungslose Überproduktion von Doktoranden und Post-Docs, der sich das deutsche System derzeit noch hingibt, ja ihren ungeplanten Sinn darin, dass es solche Lehrer demnächst reichlicher gibt als Stellen für Forscher.

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