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Förderungen im Studium : Freitisch und trockene Dreilinge

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Der Lotterstudent: Kupferstich (um 1640) von Philips Angel nach einer Illustration zum „Cornelius Relegatus“ von U. Ullrich Bild: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Die wenigsten Studenten können Goethes Leben eines „Scholares solventes“ leben. Auch ohne Studiengebühren sind Stiftungen und Stipendien unerlässlich.

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          Mit der endgültigen Abschaffung der allgemeinen Studiengebühren in Bayern zum kommenden Wintersemester und in Niedersachsen im nächsten Jahr wird erstmals seit 2007 wieder in allen Bundesländern die erste Hochschulausbildung fast kostenfrei sein. Stipendien als gezielte Förderung bei besonderer Bedürftigkeit oder als Auszeichnung außerordentlicher Leistungen werden damit aber keineswegs überflüssig. Das Deutschlandstipendium bietet beispielsweise eine attraktive Möglichkeit, öffentliches Engagement mit staatlichem zu verbinden. Denn in jeder Universität gibt es beträchtliche Kontingente, um private Spenden von jeweils 1800 Euro im Jahr mit dem gleichen Förderbetrag vom Bund zu verknüpfen, um so einen Begabtenbonus von dreihundert Euro monatlich auszusetzen.

          Große Förderer wie etwa die Studienstiftung des deutschen Volkes schöpfen ganz ähnlich aus dem Zusammenspiel öffentlicher und privater Mittel. Inzwischen wächst auch in Deutschland die Zahl der Stiftungen wieder: Die Deutsche Universitätsstiftung (DUS) teilte kürzlich im Magazin „Philanthropie und Stiftung“ (1/2013) mit, dass sich ihre Zahl im vergangenen Jahr um 645 auf nun 19 551 erhöht hat. Davon dienen fast die Hälfte der Förderung der Wissenschaft (12,4 Prozent), der Bildung (15,3 Prozent) und der Kultur (15,2 Prozent). Diese erfreuliche Entwicklung schließt auch Förderprogramme für Doktoranden ein. Ein Beispiel dafür ist die vor genau fünfundzwanzig Jahren an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel etablierte „Dr. Günther Findel Stiftung“. Ihr Namensgeber stellte aus seinem Privatvermögen eine bedeutende Summe zur Verfügung, um Jahr für Jahr die Zinserträge an junge Forscher aus aller Welt für ihre Quellenarbeit in Wolfenbüttel auszuschütten.

          „Praenumeration ist notwendig“

          Seit je war die Entscheidung für einen Hochschulabschluss und erst recht für eine Promotion nicht allein eine Frage hoher Begabung und genialer Einfälle, sondern auch wirtschaftlicher Umstände. Die benötigten Jahre bedeuten den Aufschub einer Anstellung und fordern zugleich einen Lebensunterhalt. Schon in der Aufklärung, dem Zeitalter der Bildungsreformen, sind die Klagen armer Studenten Legion. Wer sich an die Szene aus dem Film „Lenz“ von Egon Günther aus dem Jahre 1992 erinnert, in der das elegant gekleidete, reiche Bürgerssöhnchen Johann Wolfgang von Goethe auf dem Pferd nach Sesenheim reitet, während Jakob Michael Reinhold Lenz, der arme Hofmeister derer Barone von Kleist, auf Schusters Rappen hinterherrennt und - zur größten Bestürzung Friederikes - auch gleich wieder zurück nach Straßburg, der wird einen gewissen fahlen Nachgeschmack nicht mehr los.

          Während Goethe als Student in Leipzig und Straßburg als ziemlicher feiner Herr leben konnte, klangen die Briefe des Königsberger Theologiestudenten Lenz an seine Eltern in Dorpat eher so: „Gütigster Herr Papa, ich sehe mich genötigt, Sie nochmals gehorsamst um die so viel möglich baldige Beförderung dessen, was Ihre Gütigkeit zu unserer Kleidung bestimmt hat, zu bitten. Praenumeration ist notwendig, wenn ein Student gut wirtschaften will und also ist ihm im Anfange des Jahrs immer Geld unentbehrlich.“

          Mehr Lenz als Goethe

          Nicht jeder hatte so viel Glück wie Jean Paul, der zum Studienbeginn in Leipzig 1781 ein „Testimonium paupertatis“ mitbrachte und so die Immatrikulationsgebühr erlassen bekam, keine Hörergelder zahlen musste und zuweilen in den Genuss eines Freitischs kam. Dennoch reichte das Geld oft nicht zum Essen und Heizen. In einem der wiederholten Bettelbriefe an die Mutter betont er gleichwohl: „Glauben Sie nicht, daß ich Sie unnötiger Weise um Geld bitten werde, um verschwendrisch leben zu können - Ich weis wie nötig Sie es iezt brauchen.“ Der Hinweis war nötig, denn das Stereotyp vom liederlichen, saufenden und raufenden Studenten, der die elterlichen Zuwendungen durchbringt, hielt sich hartnäckig. Befeuert wird es im 18. Jahrhundert durch zunehmende Disziplinierungsmaßnahmen der Obrigkeit, gegen die wiederum Studierende ihre „libertates academicae“ trotzig verteidigen. Gegen den von oben verordneten „ordo studiorum“, der durch den Immatrikulationseid rituell anerkannt werden musste, wandten sie ihre altständischen, genossenschaftlichen Freiheiten: Radau und Tumulte gehörten also zum selbstbewussten, schneidigen Burschenleben, das dann in Stammbüchern stolz präsentiert wurde.

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