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Bildungsniveau der Flüchtlinge : Der Weg in den Arbeitsmarkt wird lang

Flüchtlinge nehmen in Halle an der Saale an einem Deutschkurs teil. Bild: dpa

Die Aussagen über das Bildungsniveau der Flüchtlinge schwanken, weil es noch keine belastbaren Zahlen gibt. Aber eines scheint sicher: Nur wenige sind wohl studierfähig.

          Es ist das erklärte Ziel der Hochschulpolitik, so vielen Flüchtlingen wie möglich den Zugang zu einer Universität zu öffnen und für eine gute Ausbildung zu sorgen. Dazu hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im November bekanntgegeben, die Hochschulen in den nächsten Jahren mit rund hundert Millionen Euro zu unterstützen. Allein für das nächste Jahr sind 27 Millionen Euro vorgesehen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Mit Hilfe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes soll das Verfahren übersichtlicher und besser werden. Möglichst schnell nach ihrer Ankunft sollen Flüchtlinge über Studienmöglichkeiten beraten werden und bei formaler Eignung ein dreistufiges Zulassungsverfahren durchlaufen. Außerdem sollen die Kapazitäten der Arbeits- und Servicestellen für internationale Studienbewerbungen ausgebaut werden. Die Sprachkurse und Einstufungstests will ebenfalls der Bund bezahlen. All diese Maßnahmen folgen der Annahme des BAMF, dass viele der Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea oder dem Kosovo das Potential haben, eine deutsche Hochschule zu besuchen. Aber entspricht das der Realität?

          Bis zu fünf Schuljahre hinterher

          Die Einschätzung des durchschnittlichen Bildungsniveaus der Flüchtlinge ist kompliziert, wenn es hier überhaupt eine klare Antwort gibt. Daten sind nur sehr wenige vorhanden, repräsentative schon gar nicht. Die erste umfassende Umfrage wird erst nächstes Jahr vorliegen. Bis dahin versuchen Bildungsforscher, sich einer Antwort anzunähern. Was wohl gesichert ist: Die Ausbildung der Flüchtlinge in der Schule und für den Beruf ist schlechter als die der einheimischen Bevölkerung. Herbert Brücker, Professor für Volkswirtschaftslehre und Forscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), interpretiert die Zahlen trotzdem vorsichtig optimistisch. Immerhin hätten dreißig Prozent der Flüchtlinge eine Hochschule oder ein Gymnasium besucht. Nur acht Prozent hätten gar keine Schulbildung. Diese Aussagen haben aber zwei Mängel. Erstens sind es freiwillige Angaben, die Flüchtlinge dem BAMF gemacht haben. Zweitens bedeutet die Aussage, man habe eine Hochschule besucht, nicht, dass man dort auch einen Abschluss erlangt hat. Gleiches gilt für die Gymnasiasten und die dreißig Prozent der Befragten, die angaben, eine Haupt- oder Realschule besucht zu haben.

          Die eigentliche Schulausbildung in Syrien oder Albanien sei außerdem schlechter als in Deutschland, sagt Brücker. Wie viele Schuljahre syrische Kinder den deutschen hinterherhinken, könne man aber derzeit nicht feststellen. Anders sieht das der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann. In der „Zeit“ bescheinigte er vielen Flüchtlingen kein Bildungsniveau, auf dem man aufbauen könne. Seine Einschätzung stützt sich auf OECD-Daten. Demnach schafften in Syrien 65 Prozent der Schüler nicht den Sprung über das, was die Organisation als Grundkompetenz festlegt. Sie könnten also nur sehr eingeschränkt lesen, schreiben und rechnen. Ein syrischer Achtklässler hinke einem gleichaltrigen deutschen Schüler im Durchschnitt fünf Schuljahre hinterher.

          Nach zehn Jahren haben sechzig Prozent eine Arbeit

          Einig sind sich die Forscher darin, dass die Integration ins Bildungssystem bei den Kindern und Jugendlichen noch am einfachsten ist. Probleme werde es bei den Erwachsenen geben. Nach einem Bericht des IAB, den Brücker mit verfasst hat, werden die Flüchtlinge lange brauchen, bis sie sich in den Arbeitsmarkt integrieren, auch im Vergleich zu anderen Migrantengruppen, die im Durchschnitt sehr gut ausgebildet sind. Der Bericht rechnet vor, dass von einer Million Flüchtlingen, die dieses Jahr erwartet werden, 130 000 längerfristig arbeitslos bleiben werden.

          Frühere Daten zu Flüchtlingen zeigten, dass nach zehn Jahren etwa sechzig Prozent eine Arbeit gefunden hätten. Diejenigen, die eine Beschäftigung finden, werden zu siebzig Prozent in der Gastronomie, dem Reinigungs- und Sicherheitsgewerbe unterkommen. Sie werden im Schnitt 1500 Euro verdienen und dauerhaft zu den am schlechtesten verdienenden Gruppen auf dem Arbeitsmarkt gehören. Sie konkurrieren daher weniger mit deutschen Arbeitnehmern als mit ausländischen. Auf jeden Fall würden sie so nicht den Fachkräftemangel beheben können, sagt Brücker. Er beobachtet einen Konflikt. Zum einen will die Politik den Flüchtlingen schnell eine Arbeit vermitteln. Zum anderen sollen sie gut ausgebildet werden, was aber dauert und teuer ist. Nur über eine längerfristige Ausbildung, glaubt Brücker, kann die Integration aber gelingen.

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