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Wissenschaftliche Lektüre : Lese lieber ungewöhnlich

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Arbeit an der philologischen Infrastruktur: Bildnis des niederländischen Barockmalers Gerard Dou Bild: Ullstein

Wissenschaftlern fehlt angeblich zunehmend die Konzentration für die versunkene Lektüre. Aber die Klage geht ins Leere: Wissenschaftler sollten Bücher gar nicht erst wie Romane lesen.

          Es ist gar nicht lange her, dass man von Geisteswissenschaftlern, die nach ihren Methoden befragt wurden, die Antwort erhielt: „Lesen und Denken.“ Oder: „Einfach nur genau lesen.“ Und fragte man sie nach ihren wissenschaftlichen Instrumenten, so fügten sie schnell augenzwinkernd hinzu: „Bleistift und Papier.“ Die falsche Bescheidenheit, die sich in diesen Sätzen artikuliert, ist nicht nur ein punktuelles moralisches Problem; vor allem verstellt sie den Blick auf die Realität.

          Faktisch sind Lesen und Denken Praxisformen, die ganz und gar nicht einfach sind. So ist etwa das Lesen in den Geisteswissenschaften eine schwierige, in einem mehrjährigen Studium überhaupt erst zu erlernende Sache. Und noch dazu eine voraussetzungsreiche: Das Lesen hängt nämlich auch in den Geisteswissenschaften von medialen und institutionellen Infrastrukturen ab. Kein Lesen ohne die Archive, in denen die Quellen lagern; ohne die Verlage, die Forschung veröffentlichen, und die Bibliotheken, die sie dann vorhalten; ohne die Kataloge und Datenbanken, die diese Bestände überhaupt erst handhabbar machen.

          Wie stark das Lesen in den Geisteswissenschaften von derartigen Infrastrukturen abhängt, scheint erst im Laufe der jüngsten digitalen Transformationen wieder stärker in die gängigen Selbstbeschreibungen ihrer Disziplinen Eingang gefunden zu haben. Wer mit digitalen Instrumenten recherchiert und mit digitalen Quellen arbeitet, wird sich wohl nur schwer in einer Epoche des Bleistifts wähnen können. Nicht nur denjenigen, die wie Franco Moretti nun mit quantitativen Methoden digitalisierte Textkorpora analysieren, wird klar, dass Lektüre schon sehr lange viel mehr voraussetzt als das Papier, auf dem die gelesenen Sätze auch heute noch häufig stehen.

          Mit den digitalen Transformationen hat sich aber ein fester Kanon von Klagen etabliert. Die Ausdauer bei der Lektüre lasse nach. Lektüren würden schon nach einigen Seiten abgebrochen; nicht selten würden ganze Passagen nur überflogen. Schon am nächsten Tag könne man sich an das Gelesene nicht mehr genau erinnern. Selbst an der Universität versenke sich niemand mehr in Bücher und lese aufmerksam und ohne Unterbrechung von der ersten bis zur letzten Seite.

          Perverse Zwischenspiele

          Diese Kritik ist nicht neu. Schon immer dient die Alltagsrealität des Lesens den Geisteswissenschaften als Gegenbild ihrer eigenen Lektüredisziplin. Den partiellen oder regelrechten Nichtlektüren von konzentrationsarmen Laienlesern wird die professionelle Pflicht einer vollständigen und wiederholten, ausdauernden und aufmerksamen sowie vollständig vom Gegenstand absorbierten Lektüre entgegengesetzt. Aber liest man in den Geisteswissenschaften überhaupt immer derart diszipliniert? Soll man es überhaupt? Es hieße, einem überhöhten und überzeichneten Selbstbild nachzuhängen, wenn man es bei diesem Kontrast beließe. Auch innerhalb der Geisteswissenschaften sind die Praktiken des Lesens nämlich vielfältiger. Es wird in ihnen nicht alles vollständig gelesen und schon gar nicht alles mehrfach. Dies allein schon deshalb, weil ein beachtlicher Teil des Arbeitspensums gar nicht von der Lektüre der Quellen, sondern von der Beschäftigung mit Forschungsliteratur geprägt ist. Diese wird häufig weder integral noch mehrmalig gelesen. Aber selbst für das Buch als Untersuchungsobjekt gilt, dass es keineswegs immer vollständig und wiederholt gelesen wird.

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