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Wissenschaftliche Lektüre : Lese lieber ungewöhnlich

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Zwei aktuelle Probleme

Das Desinteresse für die faktischen Praxiszusammenhänge des geisteswissenschaftlichen Arbeitens führt in der Gegenwart dazu, dass die Tragweite der infrastrukturellen Bedingungen der Lektüre nur selten erkannt wird. Abbott kritisiert deshalb seine nordamerikanischen Kollegen dafür, dass sie die ihnen zur Verfügung stehenden informationellen Infrastrukturen kaum umfassend nutzen und deshalb permanent „Hamburger essen, obwohl sie zum gleichen Preis ein Filet Mignon bekommen könnten“. Im deutschen Wissenschaftssystem fallen gegenwärtig zwei andere Probleme ins Auge, wenn man die Reflexion über die Lektüremodi in den Geisteswissenschaften mit einer wissenschaftshistorischen Analyse des Wandels der akademischen Unterrichtsformen und der Veränderung der Bibliotheksinfrastruktur verknüpft.

Erstens ist die Praxis des schreibenden Lesens in hohem Maße auf die Prüfungsform der Seminararbeit angewiesen. Seminare - weiterhin das eigentliche „Praktikum“ des geisteswissenschaftlichen Studiums - zeichnen sich nämlich auch dadurch aus, dass die in ihm erfolgten Lektüren nicht folgenlos bleiben dürfen, sondern in einer schriftlichen Seminararbeit kulminieren müssen. Die Seminararbeit ist nicht deshalb so zentral, weil sie dem isolierten Einüben des wissenschaftlichen Schreibens diente (wie Kurse zum Erlernen des akademischen Schreibens meist insinuieren), sondern vielmehr weil sie das gesamte Gefüge geisteswissenschaftlicher Praktiken an dem Verfassen eigener Arbeiten orientiert. An erster Stelle auch die Lektüre. Die aktuelle Tendenz, Seminararbeiten als Prüfungsleistung in neuen Studiengängen nur noch selten vorzusehen, weil sie allen Beteiligten viel Arbeit machen, verschiebt das gesamte Gefüge geisteswissenschaftlicher Praktiken massiv.

Die Praxis des geisteswissenschaftlichen Lesens ist zweitens auch auf eine ausgezeichnete Literaturversorgung durch seminaristische Fachbibliotheken und Universitätsbibliotheken angewiesen. Geisteswissenschaftler sind nicht absolut absorbierte Leser einiger weniger Bücher. Sie durchblättern ganze Bibliotheken. Überraschende neue Lektüren, die mit Kontinuitäten innerhalb eines Faches brechen, sind deshalb auf Infrastrukturen angewiesen, die riesige Mengen von Quellenmaterial und Forschungsliteratur kontinuierlich sammeln. Darauf, dass die Dynamik von Denken und Lesen in den Geisteswissenschaften von stabilen bibliothekarischen Infrastrukturen abhängt, hat Martin Schulze Wessel jüngst in seinen kritischen Bemerkungen zum Strategiewechsel der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Fragen der Wissenssammlung hingewiesen (F.A.Z. vom 8. April 2015). Zweifellos wird die Abkehr der DFG von der Förderung einer langfristigen Literaturversorgung über fachspezifische und nach formalen Kriterien operierende „Sondersammelgebiete“ zu einer projektförmig organisierten und nachfrageorientierten Bestandsbildung über „Fachinformationsdienste“ die Praktiken des geisteswissenschaftlichen Arbeitens nicht unberührt lassen.

Diese aktuellen Fragen sind für das Denken und Lesen in den Geisteswissenschaften von zu großer Tragweite, als dass die Geisteswissenschaftler sich weiter in falscher Bescheidenheit üben dürften. Auch wer zu den Disziplinen gehört, in denen in erster Linie gelesen wird, erreicht heute allein mit Bleistift und Papier gar nichts. Weder in der Forschung noch in der Lehre.

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