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Wissenschaftliche Lektüre : Lese lieber ungewöhnlich

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Weshalb sollte man Bücher überhaupt an einem Stück von Anfang bis Ende lesen? Und das auch noch mehrfach? Wie Peter Stallybrass in seinem wegweisenden Aufsatz über „Bücher und Rollen“ als Lektüremedien zeigt, nutzen geisteswissenschaftliche Lektürepraktiken gerade das Potential, das der Kodex für ein diskontinuierliches Lesen bietet. Die akademische Lektüre ist ein permanentes Hin- und Herblättern. Ein intensives Arbeiten mit Inhaltsverzeichnissen und Registern. Ein konstantes Unterbrechen der Lektüre, um zu unterstreichen und zu annotieren. Geisteswissenschaftler sind Spezialisten für diskontinuierliche Lektüre.

Das ununterbrochene und vollkommen absorbierte Lesen eines Buches von Anfang bis Ende, das so häufig als primäre geisteswissenschaftliche Tugend gehandelt wird, findet Stallybrass dagegen ironischerweise in der Geschichte der undisziplinierten Romanlektüre ausgeprägt; diese sei aber ein Missbrauch des Buches, da sie den Kodex wie eine Rolle benutze. Am drastischsten geschehe dies bei der Lektüre von „packenden“ Romanen und „page-turnern“. Wenn die heutige Klage eine Vergangenheit aufruft, in der Bücher noch in einer kontinuierlichen Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite entrollt worden sind, so verkehrt diese Klage die Geschichte des gedruckten Buches: Die versunkene Lektüre von Romanen ist nämlich nur ein „brillant-perverses Zwischenspiel in der langen Geschichte diskontinuierlicher Lektüre“.

Spare dir das für Tolstoi auf!

Der Wissenssoziologe Andrew Abbott hat die akademische Lektürepraxis mit der Romanlektüre kontrastiert und den Verfahrenscharakter dieses Kontrastes hervorgehoben. In seinem provokant betitelten Buch über „Digitales Papier“ (Digital Paper. A Manual for Research and Writing With Library and Internet Materials, Chicago 2014) hebt Abbott hervor, dass seine Studierenden leider häufig „narrativ“ lesen würden. Hierzu formuliert er den etwas ruppigen Ratschlag: „Spare dir das für Tolstoi auf!“ Der Ratschlag, nicht „narrativ“ zu lesen, gilt nicht nur für den Umgang mit Forschungsliteratur, sondern auch für die Lektüre von Quellen: „Lies Primärliteratur nie wie einen Roman.“ Sobald man sich dabei ertappe, mehr als fünf Minuten ohne Unterbrechung durch Hin- und Herblättern gelesen zu haben, solle man innehalten und streng prüfen, ob man nicht in den falschen Lektüremodus verfallen sei.

Ausgehend von diesen Warnungen formuliert Abbott für die Beobachtung geistes- und sozialwissenschaftlicher Lektüre eine wichtige Heuristik, wenn er den narrativen Lektüremodus in seiner Beschränktheit skizziert und daneben noch die große Anzahl an weiteren Modi des akademischen Lesens wie meditatives Lesen, argumentatives Lesen, scannendes Lesen oder Stellenlektüre beschreibt. Und er trifft damit auch für die Philologie einen wichtigen Punkt: Auch in der Literaturwissenschaft sollte man normalerweise nichts „wie einen Roman“ lesen, nicht einmal einen Roman.

Narrative Lektüren tendieren tatsächlich dazu, Lektüren ohne spezifische Fragehorizonte zu sein. Eine geisteswissenschaftliche Lektüre erfolgt aber aus bestimmten Perspektiven und Problemstellungen, weil sie der Herstellung von mündlicher oder schriftlicher Anschlusskommunikation über ihre Gegenstände dient. Das Lesen erfolgt hier immer im Blick auf die Produktionen eigener Beiträge, und mögen diese zunächst auch nur in der Aneignung fremder Textpassagen im Modus des Exzerpierens bestehen. Schon das Exzerpieren verweist darauf, dass die Lektüre immer auf das Schreiben des Lesers bezogen ist.

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