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Exzellenzuniversitäten : Das sind doch nur Spitzenintellektuelle

Nur steigende Zahlen sind Erfolgszahlen

Auf die Frage, weshalb man sich denn seitens der Professoren an dem beteilige, was vom disziplinären Forschen abhält, gab es drei Antworten. Erstens die Freude am Einfluss, Miles and more, Drittmittelkönigswürden, Spendierfähigkeit und Exklusion aus der universitären Knappheitstristesse. Zweitens die Versorgung des Nachwuchses mit Stellen - jedenfalls mit befristeten. Und drittens, so der Soziologe Hans Joas, dass man, vor die Wahl gestellt zwischen Lehre in der Bachelorzone und dem Schreiben von Projektanträgen, die Projektwelt vorziehe.

Das waren natürlich alles Klagen auf hohem Niveau. Aber zusammen mit Ulrich Herberts Bericht über das Vokabular der Antragsablehnung in der Exzellenzinitiative ergaben sie doch ein aufschlussreiches Bild. Die Universität ist eine von vielen Professoren aufgegebene Zone. Von den Studenten, die nicht für die Arbeit in den Gruppenprojekten vorgesehen sind, redet niemand. Dass die einzige Funktion der Geisteswissenschaften, die ihren derzeitigen Umfang rechtfertigt, in der Lehrerbildung liegen könnte und vielleicht ihre größte Nützlichkeit auch, wollen die Forscher nicht wahrhaben, ja nicht einmal diskutieren.

Die Wissenschaft wiederum ist eine von ihren Funktionären völlig anschauungsfrei behandelte Masse von Zahlen. Zahlen, die steigen müssen, damit sie als Erfolgszahlen gelten. Mehr Studenten, egal ob studierend oder nicht, mehr Publikationen, egal ob gelesen oder nicht, mehr Drittmittel, egal ob die Forschung sie braucht oder nur dafür sorgt, dass sie abfließen.

Kein Zusammenhang zwischen Studenten- und Leserzahlen

In diesem Zusammenhang war besonders die Wortmeldung eines Verwalters aus dem Konstanzer Exzellenzcluster signifikant. Man könne sich doch über das Wachstum der Geisteswissenschaften nicht beklagen. Er fand widersinnig, es als einen der Nachfrage würdigen Sonderfall darzustellen, dass in Deutschland knapp zwanzig Prozent aller Studierenden ein geisteswissenschaftliches Fach gewählt hätten, mehr als in jedem anderen Land der Welt. „Wir beklagen uns hier über zu viele Studenten, und währenddessen geht der Suhrkamp-Verlag in Insolvenz!“, rief er aus.

Das sollte wohl heißen: Es kann doch gar nicht genug Leser von geisteswissenschaftlicher Literatur geben. Kommt auf die Literatur an, könnte man entgegnen. Oder dass es eben, gerade das Suhrkamp-Beispiel beweist es, keinen Zusammenhang zwischen Studentenzahlen und Leserzahlen gibt. Wenn jeder der 457000 Studierenden der Geisteswissenschaften in diesem Land pro Semester einen Band der Wissenschaftstaschenbücher aus dem Adorno-bis-Wittgenstein-Programm auf eigene Rechnung lesen würde, wäre der Verlag womöglich eine Sorge los. Zur Einsicht in die Lage der Geisteswissenschaft trüge vermutlich das Eingeständnis bei, dass man auch an der Universität Konstanz Seminare erfolgreich bestehen kann, ohne es zu tun.

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