https://www.faz.net/-gqz-7axw6

Exzellenzuniversitäten : Das sind doch nur Spitzenintellektuelle

Kognitive Orientierung ersetzt das Wissenschaftsmanagement, auch mangels eigener Intellektualität, gerne durch politische Perspektiven. Die kamen in dem Satz des damaligen DFG-Präsidenten Matthias Kleiner zum Ausdruck, man wolle keine Strukturen innerhalb von Universitäten, die denen von Max-Planck-Instituten ähnelten. Nicht nur lässt tief blicken, und zwar ins Leere, dass dem Ingenieur und den Seinen dieser Effekt der Exzellenzinitiative, den man sich organisationssoziologisch an den Fingern einer Hand abzählen konnte, erst nach sechs Jahren der Förderung einer solchen Struktur aufgefallen ist. Darüber hinaus wäre es schon seltsam, wenn man in Bonn gar nicht bemerkt haben sollte, dass die so geliebten „Exzellenzcluster“ gar nichts anderes sind als Max-Planck-Varianten an Universitäten: stark von der Lehre entlastete, finanziell komfortable Zonen thematisch konzentrierter und mit eigenen Hierarchien versehener Grundlagenforschung.

Semantische Kontrollverluste

Dass hierin für die Universitäten ein Problem und nicht nur ein Prestigegewinn liegt, ist offenkundig. Aber es war ja gewollt, der Überlast im Bereich der Lehre etwas entgegenzusetzen. Deren Einheit mit der Forschung ist längst zu einem Lippenbekenntnis geworden. Wer von Forschern ständiges Publizieren erwartet, kommt um die temporäre Entkopplung von der Lehre kaum herum. Ulrich Herbert rechnete vor: 457 000 Studenten der Geisteswissenschaften gibt es derzeit an deutschen Hochschulen, auf einen Professor kommen 81 davon.

Wenn also erst eine Exzellenz-Struktur, die hier für Entlastung sorgt, begrüßt wird und man sie dann mit der Begründung mangelnder Integration in die Lehre und nur loser Kopplung zur Universität wieder abschafft, dokumentiert das semantische Kontrollverluste. Man möchte das eine und sein Gegenteil haben und wechselt je nach Opportunität und politischem Kalkül die Werte aus.

Schließlich das merkwürdigste Argument von allen: Das Freiburger Institut sei zu disziplinär ausgerichtet gewesen. Auch hier interessiert gar nicht, ob das zutrifft, was es heißt und ob es mehr bedeuten sollte als: Hier erforschen ja nur Historiker die Geschichte. Sondern dass es Wissenschaftsfunktionäre allen Ernstes fertigbringen, den Begriff „Disziplinarität“ abwertend zu verwenden - und zwar ohne dass sie, ertappt bei einer Dummheit, rot werden.

Die aufgegebene Zone

Der Fetisch „Interdisziplinarität“ spielte auch in den an Herberts Einleitung anschließenden Freiburger Gesprächen eine Rolle. Wozu es denn eigene Strukturen brauche, fragte der Berliner Russlandhistoriker Jörg Baberowski, damit er beispielsweise ein Gespräch mit Psychologen führen könne, die für seine Forschungen über politische Gewalt interessant seien. Man könne die Leute anrufen, ihre Texte lesen, eigene „Gruppenforschung“ müsse dazu nicht angeschoben werden.

Die israelische Historikerin Shulamit Volkov fragte arglos, aber genau zum selben Punkt, ob denn die Mitglieder von interdisziplinären Graduiertenkollegs miteinander forschen oder sich nur einander erzählen, was jeder einzeln herausgefunden hat. Nicht wenige Mitglieder solcher Kollegs beschrieben Interdisziplinarität entsprechend: zu Vorträgen gehen, von denen man nichts hat. Das könnte man als Frage auch an „Cluster“ und „Sonderforschungsbereiche“ in den Geistes- wie Sozialwissenschaften herantragen. Den Aufwand beim Hochziehen solcher interdisziplinärer Gruppenprojekte beklagten jedenfalls die meisten Anwesenden; außer Jürgen Kocka, der aber ohnehin praktisch alles gut fand, was wissenschaftspolitisch stattfindet.

Weitere Themen

Kein Sonnenkönig

Max-Planck-Gesellschaft : Kein Sonnenkönig

Martin Stratmann ist gänzlich frei von Allüren eines Alleinherrschers. Darin unterscheidet er sich von seinen Vorgängerinnen. Nun stellt der Korrosionsforscher die Max-Planck-Gesellschaft neu auf.

Die Herzkammer der Wissenschaft

Promotionsrecht : Die Herzkammer der Wissenschaft

Das Wissenschaftssystem braucht ein Zentrum, das bahnbrechende Erfindungen mit dem gesellschaftlichen Konsens vermittelt. Das können nur die Universitäten sein. Bei ihnen sollte daher auch das Promotionsrecht liegen.

Topmeldungen

Signale des Bewusstseins, im Computer rekonstruiert: links ein fast bewusstloser Komapatient, rechts ein Gesunder, in der Mitte ein Komapatient mit Bewusstsein.

Wegen Fehlverhaltens : Urteil gegen den Primus der Hirnforschung

Der weltbekannte Hirnforscher Niels Birbaumer behauptet, Locked-In-Patienten wieder kommunikationsfähig zu machen. Jetzt hat ihn die DFG wegen Fehlverhaltens verurteilt. Er will trotzdem weitermachen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.