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Professorenkritik : Die Mitsprache beim Sprechverbot

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Das Problem der wechselseitigen Evaluation

Zum Sieg verholfen werden soll dabei – dies ist die zweite Gemeinsamkeit – einem spezifischen Diskurs: dem postmodernen Kulturalismus in seinen verschiedenen Spielarten, seien dies nun Antikolonialismus, Antisexismus oder die Critical Whiteness Studies, die an der HU seit einigen Jahren mit Vehemenz gegen die Sozial- und Geschichtswissenschaften die Verabsolutierung von „Kultur“ betreiben. Damit geht die dritte Gemeinsamkeit einher: das Bemühen, die Tradition der Aufklärung so weit wie möglich aus den Curricula zu tilgen. Dabei geht es nicht darum, einen Streit über problematische Implikationen des Denkens der Aufklärung zu initiieren, sondern im Gegenteil darum, jeden Streit präventiv zu unterbinden. Die Werke von Locke, Kant oder Hegel werden in keinem philosophischen oder historischen Seminar als unhinterfragbare Dogmen präsentiert, sondern als kanonische Texte, die gerade der kennen muss, der sie kritisieren möchte. Wer allein schon die Tatsache, dass solche Texte Pflichtlektüre sind, als Ausdruck von Autoritarismus versteht, gibt damit nur das eigene Bedürfnis zu erkennen, seine Autorität absolut zu setzen.

Selbst das ließe sich als Obskurantismus abtun, wenn nicht der Betrieb der wechselseitigen Evaluation, den die Universitätsverwaltungen begünstigen, solchen Interventionen eine praktische Bedeutung verliehe, die ihnen ihrem Gehalt nach nicht zukommt. Seit etwa zehn Jahren haben Internet-Plattformen wie „MeinProf.de“ das Prinzip der studentischen Lehrevaluation und des Rankings in einer Weise verallgemeinert, wie die HRK es zweifellos nicht beabsichtigt hat. So ist gegen „MeinProf.de“ seit ihrer Gründung 2005 immer wieder von Hochschulen geklagt worden, um durchzusetzen, dass die dortigen Mitarbeiterprofile wegen beleidigender Kommentare oder aus datenschutzrechtlichen Gründen entfernt zu werden. Dennoch erfreut sich die Plattform als eine Art studentische Kundenberatung bis heute großer Beliebtheit. Vielen Klagen der vergangenen Jahre wurde stattgegeben, einige wurden abgelehnt, ohne dass sich zu dieser Form des Internetrankings eine einheitliche Rechtsprechung durchgesetzt hätte.

Der wachsende Einfluss der Netzwerke

Mit den anonymen Blogs, auf denen Professoren denunziert werden, und den anonymisierten Fragebogen, auf denen Studenten im Einklang mit den Regeln des Betriebs ihre Dozenten evaluieren dürfen, haben Seiten wie „MeinProf.de“ zumindest die Intransparenz der Kriterien gemein, die der Bewertung zugrunde liegen. Wer einem Dozenten in einer studentischen Evaluation mangelnde pädagogische Fähigkeiten attestiert, konnte ihm womöglich aufgrund schlechter Vorbereitung nur nicht richtig folgen. Wer eine Professorin als autoritär und überheblich ansieht, hat vielleicht nur uneingestandene Angst vor souverän auftretenden Frauen. Auskunft darüber gibt in den Evaluationsbögen allenfalls die Selbstevaluation, die nicht ihrerseits noch einmal evaluiert wird und auch einfach auf Selbstüberschätzung beruhen kann. Bei „MeinProf.de“ fällt sie weg, und die anonymen Blogs geben absichtsvoll keine Auskunft über die Bildungswege und Fähigkeiten derjenigen, die sie betreiben.

Dass Netzwerke in einem Milieu, das sich zunehmend als Netzwerk begreift, stärkeren Einfluss gewinnen, mag unausweichlich sein. Gerade den Universitätsverwaltungen müsste jedoch daran gelegen sein, Prozesse der Evaluation rational und kalkulierbar zu gestalten und sie so wenig wie möglich durch willkürliche Manipulationen beeinflussen zu lassen, in denen sich womöglich nur enttäuschter Stolz, Unfähigkeit oder wütende Überforderung ausdrücken. Dafür wäre die Einsicht nötig, dass unnötige Hierarchien sich nicht beseitigen lassen, indem sich alle vor allen zu verantworten haben, sondern nur durch Besinnung auf Sachhierarchien, die im jeweiligen Erkenntnisgegenstand begründet sind. Das würde bedeuten, die Lernenden nicht einfach als mündige Lehrstoffkonsumenten anzusehen, sondern an dem zu messen, was sie sein könnten: künftige Lehrende. Kein anonymer HU-Blogger würde diesen Test bestehen.

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