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Eurokrise : Warum tranken die Pferde nicht?

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Das blieb vom Investorentraum: einsame Straße in einem geplanten Madrider Wohlviertel, das durch die Krise überflüssig wurde Bild: Getty Images

Gibt es eine Alternative für Deutschland aus linker Perspektive? Wolfgang Streecks „Gekaufte Zeit“ ist das Buch zum politischen Streit um den Euro. Eine Kritik des Soziologen Christoph Deutschmann.

          10 Min.

          Wolfgang Streecks Buch „Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ ist mit Recht gerühmt worden. Es beruht auf profunder, in jahrzehntelanger Forschung erworbener politökonomischer Expertise, ist glänzend geschrieben und voller präziser Beobachtungen und Pointen. Der Autor entwickelt eine prägnante Interpretation der politisch-ökonomischen Entwicklung der westlichen Industrieländer seit den siebziger Jahren und eine Diagnose der gegenwärtigen Krise.

          Der Text ist auf der Basis der vom Autor im Jahr 2012 in Frankfurt gehaltenen Adorno-Vorlesungen entstanden. Auf diesen Kontext nimmt Streeck auch Bezug: Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus sei damals zwar erkannt, aber als eine rein politisch vermittelte fehlgedeutet worden. Die Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Ökonomie selbst habe man aus dem Blick verloren. Unter dem Druck der Anspruchsinflation der Arbeitnehmer in den siebziger Jahren habe dieser Akteur sich freilich in unmissverständlicher Weise wieder ins Spiel gebracht. Die vielbeschworene „Legitimationskrise“ des Kapitalismus sei zwar eingetreten, aber in völlig anderer Weise als vorausgesagt.

          In Frage gestellt wurde die Legitimität des Systems nicht von der Seite der Lohnabhängigen (bei denen das System im Gegenteil ungeahnte Zustimmung in Form boomender Konsumwelten und anwachsender Frauenerwerbstätigkeit fand), sondern von der Seite der „Profitabhängigen“. Letztere sahen ihre Gewinnerwartungen nicht mehr befriedigt und traten in einen „Investitionsstreik“, der das wirtschaftliche Wachstum spürbar bremste. Das brachte die Regierungen in einen unlösbaren Konflikt zwischen ihren sozialpolitischen Verpflichtungen ihren eigenen Bürgern gegenüber und den Forderungen des Kapitals nach Kostensenkung und Deregulierung.

          Der Geldzauber ist vorbei

          Aus diesem Konflikt suchten sie sich zu retten, indem sie „Zeit kauften“, das heißt die sozialpolitischen Ansprüche der Bürger durch Vorgriff auf erst später zu erwirtschaftende Ressourcen zu befriedigen versuchten. Das geschah zunächst in Form einer inflationären Geldpolitik und seit den achtziger Jahren in Form einer wachsenden Staatsverschuldung, schließlich, ab den neunziger Jahren, in der eines „privatisierten Keynesianismus“ (Colin Crouch), also einer durch die Politik geförderten Verschuldung der privaten Haushalte. Die Stunde der Wahrheit kam mit der Finanzkrise 2008, die die aufgetürmten Kreditpyramiden in sich zusammenstürzen ließ und die Staaten selbst schließlich in die Haftung zwang.

          Der Konflikt zwischen der politischen Demokratie und der Logik der Märkte spitzt sich damit nach Meinung Streecks zu: „Heute scheinen die Mittel zur Beherrschung von Legitimationskrisen durch Erzeugung von Wachstumsillusionen ausgeschöpft; insbesondere der mit Hilfe einer entfesselten Finanzindustrie produzierte Geldzauber der letzten beiden Jahrzehnte ist wohl endgültig zu gefährlich geworden, als dass man es noch einmal wagen könnte, mit ihm Zeit zu kaufen.“

          Aber worin besteht der Konflikt zwischen der „Demokratie“ und dem kollektiven Akteur „Kapital“ eigentlich genau? Warum ließ „das Kapital“ nicht von seinem „Investitionsstreik“ ab, obwohl ihm unablässig rote Teppiche ausgerollt wurden? Weil die „Pferde nicht tranken“, sahen die Regierungen sich genötigt, Zeit zu kaufen - aber warum tranken die Pferde nicht?

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