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EU-Forschungspolitik : Unterwegs zur Lügenwissenschaft

Das bedeutet dann aber auch, dass Wissenschaftler selbst dafür kämpfen müssen, dass die konstitutive Vielseitigkeit wissenschaftlicher Zugänge und Forschungsgebiete erhalten bleibt. Der europäische Forschungsraum kann für ernstzunehmende Wissenschaft nur ein pluralistischer sein, der den Reichtum wissenschaftlicher Wirkung steigert und nicht einengt. Besonders empört die Wissenschaftsorganisationen, dass die EU ihre Forschungsmittel immer häufiger über Kredite vergibt, obwohl kreditfinanzierte Forschung für öffentliche Forschungsorganisationen in Deutschland nicht zulässig ist. So wurden 2,2 Milliarden aus dem Fördertopf für Horizon 2020 in den „Fonds für strategische Innovationen“ umgeleitet, das spricht Bände.

Keineswegs nur ein semantischer Unterschied

Auch in Deutschland ist die nichtprojektförmige Grundfinanzierung rückläufig. Forschungsmittel, die als eine Art Vertrauensvorschuss mit Blick auf bisherige Leistungen vergeben werden, also in Gestalt von Förderpreisen oder Berufungen, verlieren an Gewicht oder werden womöglich noch an Erfolg bei der Einwerbung von Drittmitteln geknüpft. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die Wissenschaft und Forschung inzwischen - nicht zuletzt durch den durchaus kritikwürdigen Zuschnitt der Exzellenzinitiative - genießen, führt zu politischen Erwartungen, die Forschungsfreiheit eher einschränken.

In seinen Empfehlungen zur „Weiterentwicklung der Programmorientierten Förderung der Helmholtz-Gemeinschaft“ vom vergangenen Herbst hat der Wissenschaftsrat vorgeschlagen, bei der Beschreibung des Verhältnisses von Politik und Wissenschaft den bisher gebräuchlichen Begriff der „forschungspolitischen Vorgaben“ durch „Zielvereinbarungen“ zu ersetzen. Das ist keineswegs nur ein semantischer Unterschied, sondern lädt regelrecht dazu ein, Mittel und Zwecke zu verwechseln. Wenn die Politik also mit der Forschungsförderung Internationalisierung, Gleichstellung und vieles mehr fördern will, sind das für die Wissenschaft allenfalls Mittel, um die eigene Forschungsqualität zu erhöhen.

Die Wissenschaft nicht den Managern überlassen

Es ist zu befürchten, dass die Leistung einer wissenschaftlichen Organisation anhand solcher wissenschaftsfremder Indikatoren bewertet wird, während die in der Organisation gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse keine Rolle spielen. Zielvereinbarungen mit Professoren, Universitäten und Ländern oder mit bundesfinanzierten Forschungseinrichtungen könnten leicht zum Gängelinstrument werden. Im schlimmsten Fall rückten selbst angesehene Forschungseinrichtungen wie die Helmholtz-Gemeinschaft, deren Grundordnung neu gefasst werden soll, durch wenige Änderungen in die Nähe einer Ressortforschungseinrichtung, die respektable Forschung leisten kann, aber einen ganz anderen Auftrag hat.

Gerade weil die Populisten und Vereinfacher auf dem Vormarsch sind, können Wissenschaftler nicht so tun, als gehe sie das nichts an. Sie können das energische Eintreten für die Wahrung einer pluralistischen Wissenschaft in einer offenen Gesellschaft nicht den Wissenschaftsmanagern überlassen.

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