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EU-Forschungspolitik : Unterwegs zur Lügenwissenschaft

In Brüssel will man davon nichts wissen

Die Legitimationskrise der in allen europäischen Ländern strukturell schwachen Wissenschaftspolitik, die gegenüber der Finanzpolitik immer das Nachsehen hat, trifft zusammen mit einer extrem handlungsschwachen EU. Dass die Forschungspolitik sich schon längst auf technokratischen Abwegen verirrt, zeigt sich an der unverblümten Aussage des EU-Forschungskommissars Carlos Moedas, der von der Forschung „real solutions“ für „real problems“ erwartet. Die EU hat deshalb einen „Innovation Council“ gegründet, weil der European Research Council (ERC) ja „nur“ für Forschung sei, wie der gelernte Bauingenieur und spätere Banker Moedas sagt, der die Agenda des EU-Ratspräsidenten Jean-Claude Juncker gefügig abarbeitet.

Neugier in der Wissenschaft oder gar Grundlagenforschung, erst recht riskante Forschungsprojekte, die auch scheitern und in Sackgassen landen können, sind nicht mehr vorgesehen und werden auch nicht gefördert. Wenn die impact-gebundene Forschung gegen die wissenschaftliche Neugier ausgespielt wird, ist es ausgeschlossen, den intellektuellen und kulturellen Reichtum in den europäischen Gesellschaften noch zur Geltung zu bringen. Von einem „strukturellen Pluralismus“ (Hans-Georg Soeffner) will man offenbar auch in Brüssel nichts mehr wissen.

Impulsgeber für die Wirtschaft

Selbst die Allianz der Wissenschaftsorganisationen, zu der die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft, der Wissenschaftsrat und die Alexander von Humboldt Stiftung, die Hochschulrektorenkonferenz und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gehören, hat sich kürzlich ausnahmsweise zu einer harschen Kritik durchgerungen, obwohl sie ansonsten eher mit harmonieträchtigen Verlautbarungen für Nichtbeachtung sorgt.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften würden durch das europäische Forschungsprogramm „Horizon 2020“ marginalisiert, obwohl sie Beiträge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leisten könnten. Eine „eigenständige, international anschlussfähige sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung in Europa“ sei „unabdingbar“. Doch das Arbeitsprogramm „Social Sciences and Humanities“, das bis 2014 einen festen Platz im Forschungsrahmen hatte, wurde kurzerhand gestrichen. Die EU betrachtet die Forschung fast ausschließlich als Impulsgeber für die Wirtschaft, während die erkenntnisgeleitete Forschung außer Acht gerät.

Was die Wissenschaft besonders empört

Der DFG-Präsident Peter Strohschneider spricht von einem „ökonomischen Reduktionismus“ in der EU und sieht Populismus und Technokratie als zwei Seiten derselben Medaille. Ein frühes Beispiel dafür war Berlusconis Rechtfertigung für die Kürzung der Bildungsausgaben um siebzehn Prozent in Italien: „Wozu muss man Platon lesen?“ Auf die Diffamierung des Journalismus als „Lügenpresse“ folge unweigerlich der nächste Schritt, der Vorwurf der „Lügenwissenschaft“, befürchtet Strohschneider. Denn die Populisten in europäischen Ländern wollen keine Infragestellung ihrer plumpen Vereinfachungsstrategien zulassen. Strohschneider hält es für um so wichtiger, dass Fördersysteme auf nationaler wie auf europäischer Ebene komplementär angelegt sind.

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