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Nepals zerstörte Kulturschätze : Auch die Götter sind obdachlos geworden

  • -Aktualisiert am

Eine Frau betet in einem zerstörten Tempel: Nicht nur die Menschen, auch die Götter sind durch das Erdbeben obdachlos geworden. Bild: AP

Ständige Erdstöße ist man in Nepal gewöhnt, doch das Erdbeben vom Samstag hat Tausende Menschenleben gekostet und das Kulturerbe des Landes zerstört. Drei Forscher ziehen Bilanz.

          Das Auftreten eines massiven Erdbebens in Nepal hatten Geologen lange vorhergesagt und befürchtet. Die Hauptstadt Katmandu galt ihnen als eine der gefährdetsten Städte der Welt. Tatsächlich liegt das letzte große Erdbeben im Himalaja erst zehn Jahre zurück. Damals hatte es in Pakistan und Kaschmir etwa 75.000 Todesopfer gegeben. Insbesondere vor den potentiell katastrophalen Auswirkungen auf das dichtbesiedelte intramontane Becken von Katmandu ist wiederholt gewarnt worden. Eingerahmt von Gebirgskämmen, wird der geologische Untergrund im Beckenbereich von mächtigen ehemaligen Seeablagerungen und quartären Lockersedimenten eingenommen, die Erdbebenwellen ungehindert weiterleiten und ihre Schadwirkung verstärken.

          Das Versagen der Regierung ist man gewohnt

          Die hohe tektonische Aktivität des Kollisionsgebirges erklärt sich daraus, dass sich die indische Erdplatte langsam in die eurasische Platte hineinschiebt, jedes Jahr mit einer Geschwindigkeit von einigen Millimetern. Entlang dieser konvergenten Grenze kontinentaler Platten ist auf einer Breite von etwa sechshundert Kilometern eine horizontale Kompressionsrate zwischen vier und fünf Zentimetern pro Jahr ermittelt worden, wodurch sich über längere Zeiträume Scherspannungen aufbauen. Diese entladen sich in unregelmäßigen zeitlichen Abständen spontan in Erdbebenenergie. Das Erdbeben am Samstag mit einer Magnitude von 7,8 auf der Richterskala entsprach genau solchen Berechnungen.

          Trotz dieser ständigen und bekannten Gefährdungssituation ist die Bevölkerung in der urbanen Agglomeration des Katmandu-Beckens (wohl mehr als fünf Millionen Einwohner) und anderen Teilen des Landes völlig unzureichend gegen derartige tektonische Großereignisse gewappnet. Dies bezieht sich nicht nur auf das weitgehende Fehlen einer erdbebensicheren Bausubstanz. Auch die zur Evakuierung und Versorgung notwendigen Korridore und die zum Schutz der Bevölkerung erforderlichen Freiflächen sind nicht in ausreichender Zahl vorhanden. Das Einzige, was die Regierung derzeit macht, ist, über Radio die eigenen Spendenkonten durchzugeben, besonders die des Hilfsfonds, den der Präsident Ram Baran Yadav eingerichtet hat. Zudem werden Übernachtungsplätze im Freien genannt. Die Bevölkerung hat sich derweil bereits selbst organisiert; sie ist das Versagen der Regierung beinahe gewöhnt.

          Zitternde Erde

          Der vermeintlich sorglose Umgang mit der Gefahr beruht auch darauf, dass man sich in Nepal an die ständigen Erdstöße irgendwie gewöhnt hatte. Während bei früheren kleinen Beben Touristen ängstlich auf die Straße liefen, blieben die Nepalesen oft lachend zurück. „Die Erde zittert ein wenig“, sagten sie. Dabei sind schwere frühere Erdbeben in zahlreichen Chroniken festgehalten. So besagt ein Eintrag in der ältesten, im dreizehnten Jahrhundert verfassten Chronik, der Gopalarajavamshavali, dass am 7.Juni 1255 „die Hälfte der Bevölkerung“ umgekommen und auch der König acht Tage später an den Folgen einer Verletzung gestorben sei. Die Menschen, heißt es weiter, verließen ihre Häuser und lebten vierzehn Tage im Freien, weil die Nachbeben einen Monat lang andauerten.

          Das vorletzte große Erdbeben mit einer Magnitude von 8,3 traf das Land am 15.Januar 1934. Es forderte mehr als 10.000 Menschenleben. Erste Nachrichten dieses Ausbruchs erreichten Kalkutta und damit die Außenwelt erst am 20.Januar. Damals wie heute war das Staatsoberhaupt außer Landes gewesen. Der jetzige Premierminister Sushil Koirala empfing das getwitterte Hilfsangebot von Indiens Premierminister Modi im Transitbereich des Flughafens von Bangkok. 1934 weilte der nepalische König im Himalajavorland Terai und konnte lange nicht zurückkehren. Sein Palast wurde zerstört, zwei seiner Töchter starben.

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