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Eine Replik auf Sebastian Nerz : Schluss mit den Nachhaltigkeitsplagiaten

  • -Aktualisiert am

Steilvorlage Elektromobilität: Wertschöpfung durch Carsharing Bild: dpa

Sebastian Nerz’ Debattenbeitrag über die „Nachhaltigkeitslüge“ fehlt es an Quellenkenntnis. Nicht einmal die Steilvorlagen, die das Thema bietet, nutzt der Vorsitzende der Piratenpartei. Eine Replik.

          Es fällt mir als Nachhaltigkeitsforscher und Postwachstumsökonom schwer, den Ausführungen von Sebastian Nerz auf FAZ.NET ruhig zu folgen. Er fordert ein Ende der Nachhaltigkeitslügen und eine Abkehr vom Wachstumsglauben. So sehr ich es sympathisch finde, dass der Vorsitzende einer so jungen politischen Partei wie der Piraten recht schnell den inhaltlichen Anschluss an Positionen findet, die bisher nur bei wenigen andere Parteien Konsens sind - eigentlich nur bei den Grünen -, so sehr enttäuscht es mich, dass hier außer Worthülsen und schlecht abgeschriebenen Zitaten wenig Substanzielles zu finden ist. Dies wirkt umso schwerer, als Nerz doch gerade einen Abschied von Worthülsen im Umgang mit Nachhaltigkeit fordert. Aber der Reihe nach.

          Als Referenz für die Deutung des Begriffs nennt Nerz Konrad Otto, den Generalsekretär des Internationalen Rates für Kommunale Umweltinitiativen, und bringt ein Zitat von 1999: „Regenerierbare lebende Ressourcen dürfen nur in dem Maße genutzt werden, wie Bestände natürlich nachwachsen.“ Ohne Konrad Otto zu nahe treten zu wollen, ist diese Definition so platt und abgenutzt, dass man wohl jeden anderen Autor auch hätte bringen können, der sich einmal mit dem Thema befasst hat. Wenn Nerz in diese ökologische Richtung argumentieren will, dann bitteschön zur ersten Quelle gehen, dem sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz und seinem Begriff von Nachhaltigkeit von 1713 - beinahe dreihundert Jahre vor dem x-tausendsten Plagiat. Nachhaltigkeit ist im Übrigen nicht nur eine Regel für den Umgang mit nachwachsenden Naturressourcen. Den Gerechtigkeitsaspekt zwischen Nord und Süd sowie zwischen heute und morgen, der durch die Arbeit der Brundlandt-Kommission 1987 eine zentrale Rolle im Nachhaltigkeitsdiskurs bekommen hat, vergisst Nerz zu

          Wirklich spannende Quellen

          Dann zitiert er Meinhard Miegel, der ihn wohl im persönlichen Gespräch sehr beeindruckt zu haben scheint, mit der Erkenntnis, dass unsere Wirtschaftsweisen und Lebensstile die Tragfähigkeit des Planeten - einen Begriff, den Nerz nicht verwendet - deutlich überschreiten. Das alles hat natürlich Miegel nicht erfunden und schon gar nicht entdeckt, es war Mathis Wackernagel mit seinem Global Footprint Network. Der ökologische Fußabdruck der Menschheit „überschießt“ (overshoot) dabei heute die Erneuerungskapazität der planetaren Ökosysteme um ungefähr 50 Prozent.

          Die unangenehme Nachricht, die Nerz verkünden möchte, dass endloses Wachstum in einer begrenzten Welt nicht möglich ist, ist natürlich auch nicht neu. Sie ist mindestens seit der Veröffentlichung des ersten Berichts an den Club of Rom „Limits to Growth“ von 1972 bekannt und heftig diskutiert. Auch seine nachgeschobene gute Nachricht, dass Lebenszufriedenheit und Glück nur sehr bedingt etwas mit der materiellen Güterausstattung zu tun hat, kann seit Ronald Inglehart auch niemanden mehr überraschen. Wollte Nerz hier wirklich eine spannende Quelle nennen, so könnte er entweder Herman Daly und seine „Steady State Economy“ zitieren, oder gleich auf John Stuart Mill verweisen. Im neunten Kapitel seiner „Principles of Political Economy“ von 1848 hat sich Mill explizit mit einem stationären, also nicht wachsenden Zustand der Wirtschaft befasst und diesen als segensreich für die Menschen bezeichnet.

          Eine wachstumskritische Ausgabe der Freidemokraten?

          Nun mag das alles wie Erbsenzählerei eines Wissenschaftlers aussehen, der einem jungen Politiker und Parteichef auf schulmeisterliche Art vorwirft, seine Literatur nicht ausreichend studiert zu haben. Beim Thema Nachhaltigkeit, und vor allem bei dessen Verknüpfung mit Wachstumskritik, mag ich hier aber nicht still halten. Von einem Politiker und Parteichef verlange ich als Bürger dieses Landes, dass er klare Vorstellungen davon hat, woher seine Überzeugungen kommen und worauf seine politischen Schlussfolgerungen basieren. Das ist bei Nerz ganz deutlich nicht der Fall. Schlimmer wird’s immer, heißt es ja, und wenn man sich seine Schlussfolgerungen einmal näher anschaut, trifft dies auch zu.

          Was schlägt Nerz vor? Zunächst grenzt er sich scharf von der FDP und ihrer neu entdeckten Wachstumsliebe ab - hier hat er auch meine ganze Sympathie. Dann aber formuliert er sehr bemerkenswert, es „müssen dringend notwendige Reformen im Staat endlich umgesetzt werden. Der ganze Apparat ist so groß und komplex geworden, dass er nicht mehr überschaubar ist.“ Also weniger Staat? Weniger Regelungen? Bürokratieabbau und Steuervereinfachung? Die Piraten als wachstumskritische Ausgabe der Freidemokraten?

          Nicht verwandelte Steilvorlage

          Das geht nicht zusammen. Selbst wenn man darüber Einigkeit herstellen kann, dass wir neu über Regeln und Gesetze nachdenken müssen, findet sich erschreckend wenig Konkretes in Nerz’ Aussagen. Ich hätte ehrlicherweise ein klares Bekenntnis zum Grundeinkommen erwartet, das die Piraten umsetzen wollen. Außer dieser unklaren Formulierung der „notwendigen Reformen“, einem rhetorischen Wiedergänger unzähliger Sabine-Christiansen-Abende in den 1990ern, findet sich: nichts. Dabei liefert Nerz doch eine Steilvorlage mit seinen Ausführungen zur Elektromobilität und der zitierten Studie der Fraunhofer-Gesellschaft zur Verknappung des Lithiums für Batterien. Genau hier kann eine neue Umwelt- und Wirtschaftspolitik ansetzen und einen Bruch einläuten mit den bisherigen wachstumsgetriebenen Mobilitätsvorstellungen.

          Durch eine intelligente Verknüpfung von Verkehrsträgern, durch Konzepte wie Carsharing und E-Ticketing, kann eine intermodale Kette einfach und unkompliziert für die Nutzer bereitgestellt werden. Das führt zu weniger Bedarf an einzelnen Fahrzeugen und schafft gleichzeitig neue Formen der Wertschöpfung. Eine Erkenntnis, die übrigens Winfried Kretschmann, seines Zeichens grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg, bereits ganz am Anfang seines Amtsantritts sehr deutlich ausgesprochen hat. Vielleicht kann ein junger Politiker etwas von diesem alten Hasen lernen. Für die wissenschaftliche Fundierung sind jetzt genug Originalquellen genannt worden.

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