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Doktortitel : Der kann es, der ist promoviert

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Eventuell ist der Doktorhut gar nicht so viel wert wie mitunter betrogen wird, um ihn zu erlangen Bild: IMAGO

Wer plagiiert, macht einen Fehler. Doch wie steht es mit dem, der promoviert, um die politische Karriere zu beschleunigen? Eine Studie über die Wahlchancen der Doktoren gibt Auskunft.

          Dass falsche Doktortitel politischen Karrieren erheblichen Schaden zufügen können, ist in den vergangenen Monaten hinreichend deutlich geworden. Die Behauptung, ein tüchtiger Verteidigungsminister brauche nicht über die Fähigkeiten eines wissenschaftlichen Assistenten zu verfügen, bezeugte dabei ein falsches Verständnis sozialer Differenzierung. Der Wert des Titels liegt schließlich gerade in seiner Knappheit und Gültigkeit außerhalb der Wissenschaft. Warum sollten sich Nichtwissenschaftler denn sonst mit dem Doktor schmücken?

          Der akademische Grad verspricht von seinem Träger den Besitz alltagstauglicher Kompetenzen wie Fleiß, Verstand und Sorgfalt, mit denen er genauso ein Unternehmen führen, öffentliche Gelder gerecht verteilen oder die Interessen auch ungebildeter Wähler vertreten können sollte. Natürlich geht das nur, wenn man an der Wissenschaft das Arbeiten betont und nicht etwa Konzepte wie Genialität oder gar Rücksichtslosigkeit.

          Mit einem Dr. im Namen geht alles leichter

          Solange dies gilt, sollten akademische Grade ihren Trägern wenigstens nicht schaden. Aber was nützen sie wirklich? Verbessert oder verschlechtert ein echter Titel die Chancen eines Kandidaten im Wahlkampf? Eine Studie der Universität Oldenburg hat dies jetzt anhand der 2195 Kandidaten des Bundestagswahlkampfes 2009 ausgerechnet (Sebastian Schneider, Markus Tepe: „Dr. Right and Dr. Wrong: Zum Einfluss des Doktortitels auf den Wahlerfolg von Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2009“, in: Politische Vierteljahresschrift Heft 2, 2011). Schon die nackten Zahlen verraten: Das Vertrauen in den Titel ist groß, bei Wählern wie Gewählten.

          Elf Prozent der Kandidaten führten einen solchen in ihrem Namen. Mancher Wahlkreis erlebte dabei mit gleich vier promovierten Bewerbern fast schon einen Doktorenauflauf. Unter den Gewinnern waren es dann schon 21 Prozent. Die Autoren kommen zum Schluss, dass bei Vergleich aller Kandidaten ein Titel den durchschnittlichen Erststimmenanteil um fast zehn Prozentpunkte erhöht. Das sollte doch ein paar Jahre mühevolle nächtliche Kleinarbeit wert sein.

          Die Wähler interessiert das nicht

          Doch tatsächlich ist der Effekt viel geringer. Unter Berücksichtigung des politischen Kontextes schrumpft er auf gerade noch 0,51 Prozentpunkte. Das hätte 2009 zwar noch in acht Wahlkreisen zum Sieg gereicht, dennoch ist das bemerkenswert wenig. Diese kontextuellen Gründe liegen im Wesentlichen im deutschen Wahlrecht. Doch ein weiterer Umstand kommt hinzu, der zu einer wichtigen Frage führt: Wenn etwa „links“, „konservativ“ oder „liberal“ politische Attribute eines Kandidaten sind, was ist dann politisch an „promoviert“?

          Wenn der Doktortitel nicht ehrlich verdient ist, kann die politische Karriere ganz schnell vorbei sein. Karl-Theodor zu Guttenberg ist dafür das Beispiel par excellence

          Zum einen das Wahlrecht: Bekanntlich begünstigt es die Kandidaten der großen Parteien. Auch ein Summa bringt keinem Grünen oder Liberalen einen Wahlkreis ein. Dass so viele Doktoren ihre Bezirke gewinnen, liegt an ihrem Parteibuch, nicht an ihrer Doktorarbeit. Es müsste schon ein CDU-Kandidat mit und einer ohne Titel in einem Wahlkreis antreten, um diesen Unterschied testen zu können. Der Doktorgrad ist eben selbst nur eine Fußnote zu einem Text, der die stärkeren Begriffe enthält: politische Wörter wie Sozialdemokrat, rechts, CDU; oder auch: männlich, Osten oder katholisch. Sie schärfen Profile, schaffen Übersicht im Feld und trennen Sieger von Verlierern. Dem Wähler also scheinen die Titel ziemlich gleichgültig zu sein.

          Lediglich die Forderung nach mehr Studenten

          Das muss aber noch nicht heißen, dass die Promotion nicht doch von Vorteil sein kann. Unterscheiden muss man zwischen Wahlen im Allgemeinen und innerparteilichen Karrieren. Was der Titel auf dem steinigen Weg zur Nominierung hilft, kann die Studie nicht beantworten.

          Wichtiger ist aber die zweite Frage: Ist „promoviert“ überhaupt ein Begriff des Politischen? Eine Mitte der achtziger Jahre in Großbritannien veröffentlichte Studie belegte damals einen deutlich negativen Zusammenhang von Titel und Wahlchance. Die englische Klassengesellschaft des davorliegenden Jahrzehnts vermochte gerade nicht, den Akademiker von seinem typischen Stand zu trennen. Dagegen hat der Titel im deutschen Kontext dieses Merkmal längst verloren. Seine Knappheit - nur ein Prozent der Deutschen ist promoviert - ist nicht politischer als andere Knappheiten. Und die OECD fordert von Deutschland nur mehr Studenten, nicht mehr Doktoren.

          Für sich genommen, verrät ein Doktorgrad also über einen Unionskandidaten nichts anderes als über einen der SPD. Bestenfalls neigt Ersterer zum Dr. jur., während der Sozialdemokrat häufiger in den Sozialwissenschaften akademisch wirkte. Was natürlich wiederum das Ergebnis einer bestimmten Bildungspolitik der siebziger Jahre ist.

          Der ideale Politiker kämpft gegen keinen richtigen Gegner

          Hat der Doktor also gar keine politische Qualität mehr? Möglicherweise ist es gerade diese gewisse Langeweile, die dem Titel anhaftet und damit den Träger für die politische Arbeit qualifiziert. Man war Wissenschaftler und hat solides Fachwissen erworben, aber doch nicht so sehr, dass man weltfremd geworden wäre und aus dem Elfenbeinturm nicht mehr herausgefunden hätte.

          Man hat promoviert, aber dann doch noch etwas anderes (aus sich) gemacht. Man hat gekämpft, aber nur mit Stoffmengen, Drittmittelanträgen und Hochschulbürokratie, nicht mit einem richtigen Gegner. Das ist alles durchaus interessant, sehr beruhigend und entsprechend verbindend. Im Grunde genommen - der ideale Politiker.

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