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Clinician Scientists : Doktor mit zwei Hüten

Auszeit vom OP: das Clinician Scientist-Programm sieht reine Forschungszeiten vor Bild: ddp Images

Gleichzeitig Arzt und Forscher zu sein ist an deutschen Universitätskliniken bisher schwer. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft will das mit dem Clinician-Scientist-Programm ändern.

          Es ist eine Behauptung, mehr nicht: Medizin, die Schulmedizin jedenfalls, wird immer wissenschaftlicher. Für den Doktor um die Ecke jedenfalls stimmt das nicht zwangsläufig. Oft gilt der Satz für ihn kaum mehr als für den Heilpraktiker auf der anderen Straßenseite. Und selbst in den meisten Kliniken ist wissenschaftliche Medizin erstaunlich wenig verbreitet, wenn man von der - allerdings auch noch immer nicht selbstverständlichen - Anwendung von sogenannten Leitlinien einmal absieht. Wissenschaft und Medizin, das ist eine Beziehung im Dauerstress. Sie zu therapieren, sie gar zu einer Blüte zu bringen, haben sich seit den neunziger Jahren die höchsten Wissenschafts- und Forschungsgremien der Republik auf die Fahnen geschrieben.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Allein schon deshalb, weil in der Zwischenzeit eine Studienkultur und eine Bewegung hin zu evidenzbasierter Medizin gewachsen ist, die eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Medizin nötig macht. Zwei geflügelte Worte stehen dafür: „From Bench to Bedside“ - vom Labor ans Klinikbett - und, mit einer ganz ähnlichen Bedeutung, „Translationale Forschung“. Ziel ist es, vielversprechende Ergebnisse aus der Grundlagenforschung möglichst verzögerungsfrei den Patienten zugutekommen zu lassen.

          Spätestens Ende der neunziger Jahre hatten Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft erkannt, dass solche Visionen nur mit entsprechenden Netzwerken und vor allem mit entsprechend ausgebildetem Personal zu verwirklichen sind. „Clinician Scientists“, forschende Ärzte, galten als idealtypisch dafür. Ausgestattet mit dem ärztlichen Blick, der Empathie und vor allem dem Kontakt zum Patienten und überdies mit einem wissenschaftlichen Ehrgeiz, die aus der Grundlagenforschung und der präklinischen Forschung geborenen therapeutischen Konzepte mit den Kranken umzusetzen. Allein: Die Anreize für junge Mediziner fehlten. Zur Regel wurde vielmehr der opferbereite Arzt mit Feierabendforschung als Steckenpferd. Wer sich dagegen während der intensiven und langwierigen Facharztausbildung entschied, als klinischer Arzt Karriere zu machen, war für die Wissenschaft meist verloren. Und das war der Weg für die meisten Nachwuchsmediziner. Hinzu kommt: Wer forscht, wird in dieser Zeit üblicherweise nicht nach dem lukrativeren Ärztetarif bezahlt.

          Geschützte Zeiten für die Forschung

          Selbst in forschungsintensiven Universitätskliniken hat sich in den vergangenen Jahren trotz ausgeklügelter Weiterbildungsinitiativen wie jenen an der Medizinischen Hochschule Hannover oder an der Berliner Charité nicht viel geändert. Dabei haben selbst private Initiativen wie die von der „Else-Kröner-Fresesnius-Stiftung“ in Bad Homburg geförderten Forschungskollegien gezeigt, dass die spezielle Förderung von Clinician Scientists lohnt und verborgene wissenschaftliche Talente zutage fördert. Das hat jüngst die Evaluierung von neun Forschungskollegien an drei deutschen Universitätsstandorten gezeigt. „Entscheidend ist, dass die jungen Talente eine Freistellung von der Krankenversorgung von einem, besser von zwei Tagen erhalten“, sagt Susanne Schultz-Hector von der Stiftung.

          Die Ständige Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat die bisherigen Erfahrungen nun aufgegriffen und unlängst eine Empfehlung für erweiterte Clinician-Scientist-Programme aufgelegt. Auch sie spricht von „geschützten Zeiten“, die junge forschungswillige Ärzte spätestens nach der Hälfte der Facharztausbildung - nach zwei bis drei Jahren - benötigen. In den darauffolgenden drei Jahren sollen sie nach Bewilligung in einem Clinician-Scientist-Programm künftig zur Hälfte mit DFG-Mitteln und zur anderen mit den Finanzmitteln aus der Krankenversorgung finanziert werden. Ziel sei es, so die DFG, eigene Forschungsprojekte fortzusetzen - und zwar zeitlich so limitiert, dass sie in dieser Lebensphase zwischen 30 und 40 Jahren auch noch Zeit genug bekommen, um etwa eine Familie zu gründen.

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