https://www.faz.net/-gqz-1035k

Digitalisierung : Die intelligentere Expansion der Gutenberg-Galaxis

  • -Aktualisiert am

Der Kopf steckt zwischen zwei Speicherformen: die älteste Bibel der Welt in handschriftlicher und digitaler Form (Hintergrund) an der Universitätsbibliothek Leipzig Bild: dpa

Immer mehr Handschriften werden in digitale Bibliotheken überführt. Was bedeutet das für die Forschung? Das Digitalisat ist keine bloße Kopie. Seine vielfältigen Verknüpfungsmöglichkeiten erlauben ganz neue Einsichten in die Wissensordnung einer Epoche.

          8 Min.

          Medienhistorisch betrachtet, leben wir in einem Zeitalter der digitalen Revolution. Große Mengen des konventionell überlieferten Schrifttums werden in vergleichsweise kurzer Zeit aus einem analogen in einen digitalen Status überführt. Die physische Präsenz eines Textes verwandelt sich in eine virtuelle, wobei der Verlust an Materialität nicht verbunden ist mit einem gleichartigen Verlust an Inhalt. Im Gegenteil: das Digitalisat bildet, sofern die Benutzung nicht durch technische, juristische oder finanzielle Restriktionen beeinträchtigt ist, den vollgültigen Ersatz für das gedruckte Werk, ja es übertrifft dieses durch neuartige Möglichkeiten des interaktiven Zugriffs. Voraussetzung ist, dass die Texte nicht im Sinne von grafischen Repräsentanten bloß visuell abgebildet sind, sondern als kodierte Einzelzeichen („Caracters“) individuell erforschbar gemacht werden.

          Initiativen zur Digitalisierung von Schriftgut werden derzeit von unterschiedlicher Seite ergriffen. Aus privatwirtschaftlicher Sicht ist ein Vorstoß des Datenbank-Betreibers Google zu nennen. Gemeinsam mit einigen amerikanischen, europäischen und japanischen Bibliotheken - unter anderen Harvard, Stanford, Oxford, Keio und München - möchte man den urheberrechtsfreien Anteil der Druckwerke vom Erscheinungsjahr 1500 an digitalisieren. Das auf 15 Millionen Bände berechnete Projekt befindet sich mittlerweile in der Phase der Realisierung, obwohl es von der Nationalbibliothek Paris als Akt kultureller Homogenisierung und weitreichender Angloamerikanisierung kontinentaleuropäischer Überlieferung kritisiert wurde.

          Das europäische Kulturerbe in digitaler Gestalt

          Die Google-Initiative wirkte gewiss als Motor für einige multinationale, nichtkommerzielle Projekte, etwa das von der Europäischen Kommission getragene Projekt eines „Europäischen Repositorys aus Bibliotheken, Museen und Archiven“, kurz Europeana. Das im Jahre 2005 gestartete Vorhaben hat zum Ziel, die kulturelle und wissenschaftliche Überlieferung Europas in digitaler Form darzustellen und allgemein zugänglich zu machen. Hierzu gehören Bücher, Filme, Zeitschriften, Karten, Fotografien, Musik und Museumsobjekte. Auch wenn zurzeit erst weniger als ein Prozent verwirklicht ist, so scheint es doch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Europeana das gesamte europäische Kulturerbe in digitaler Gestalt abspiegelt. Auch im föderalen Deutschland wurden frühzeitig, genauer gesagt seit 1997, wegweisende Initiativen ergriffen. Hinzuweisen ist auf die beiden Digitalisierungszentren an den Universitäten von Göttingen und München oder auf das von Kurt Gärtner begründete und von Claudine Moulin geleitete Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier.

          Die hier nur exemplarisch genannten Projekte beweisen die internationale Anschlussfähigkeit Deutschlands auf dem Gebiet der Digitalisierung. Bei alldem gilt: Technische Machbarkeit, politischer Wille und operative Umsetzung agieren simultan für das gemeinsame Ziel. Ob bei alldem die technischen Probleme, die sich insbesondere aus der Notwendigkeit einer Langzeitarchivierung ergeben, gelöst sind, mag bezweifelt werden. Manche Beobachtungen raten hier zur Skepsis, ja sie lösen den Verdacht aus, die Digitalisierung führe die ehemals „feste“ Überlieferung des analogen Zeitalters in einen labilen, ephemeren Status zurück, der strukturelle Ähnlichkeiten zu dem oralen, fugativen Überlieferungsmodell der vorschriftlichen Epochen besitzt. Neben der Haltbarkeit der Datenträger sind vor allem die ständige Weiterentwicklung der Hard- und Software sowie der Dateiformate ein großes Dilemma. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob die Langzeitarchivierung wirklich ein Thema der Technik oder nicht eher der Gesellschaft ist. Die „kollektive Memoria“ der Überlieferungsgemeinschaften, so darf man hoffen, wird schon dafür sorgen, dass Erhaltenswertes auch erhalten bleibt, in welcher Form auch immer.

          Allverfügbarkeit

          Unbeeindruckt hiervon vereinigen sich weitreichende Allianz-Initiativen des In- und Auslandes in ihren Bemühungen, digitale Infrastrukturen zu schaffen. Nationallizenzen, Open-Access-Zugänge, Hosting-Strategien, langfristige Sicherung digitaler Primärdaten, Entwicklung virtueller Forschungsumgebungen, Einsatz kooperativer Grid-Technologien und Abklärung rechtlicher Rahmenbedingungen haben sich als zentrale Felder herausgebildet, auf denen gewaltige Anstrengungen unternommen werden, die weltweite Nutzung digitaler Überlieferung möglich zu machen. Und in der Tat, die Vorteile der neuen Medienform liegen auf der Hand: Digitalisierte Texte schützen, ersetzen oder retten die Originale. Zudem erhalten sie durch die Einstellung ins Internet einen ubiquitären Status.

          Schmerzlich beklagte Hindernisse in der herkömmlichen Nutzung wie mangelnde Auffindbarkeit, hohe Kosten, Verluste an Zeit sowie alters- oder schichtenspezifische Einschränkungen auf Seiten der Endnutzer entfallen oder verlieren an Bedeutung. Indem der Präsenzcharakter der Überlieferung eine neue Dynamik entwickelt, demokratisiert, universalisiert und globalisiert sich das kulturelle Erbe der Menschheit - bei einer verbleibenden Abhängigkeit von der Technik selbstverständlich. Auch wenn im Einzelnen noch zahlreiche Probleme zu lösen sind, so scheint der Weg ins digitale Zeitalter doch grundsätzlich geebnet. Die Expansion der Gutenberg-Galaxis schreitet unablässig voran, und die Digitalisierung ist der entscheidende Faktor, ihr neue Horizonte zu erschließen.

          Ein Mehrwert an Erkenntnis?

          Es fällt allerdings auf, dass die theoretische Debatte über die Nutzungsmöglichkeiten des neuen Mediums merkwürdig schleppend verläuft, um nicht zu sagen: dass sie bislang ausgeblieben ist. Eine überzeugende Heuristik der digitalen Textüberlieferung existiert nicht, und manch verdienter Wissenschaftler mag ratlos den Kopf schütteln angesichts der sturzflutartig auf ihn herniederprasselnden Masse an digitalen Daten und der Versprechungen neuer Forschungsmöglichkeiten. Es droht die Gefahr, dass der geordnete Kosmos, den die Vorstellung einer Bibliothek, eines Archivs oder eines Museums evoziert, sich auflöst in das Bild einer wilden Deponie, auf der alle möglichen Gebrauchsmaterialien der Überlieferung abgelegt und entsorgt werden. Die alles entscheidende Frage lautet hier: Welchen Mehrwert an Erkenntnis bringt es, wenn Überlieferung nicht mehr in analoger, sondern in digitaler Form genutzt wird?

          Nun, es mag schwierig sein, eine solche Frage auf dem Felde generalisierter Betrachtung zu beantworten. Sinnvoller erscheint es, sich einzuschränken und den Fokus auf eine Epoche zu lenken, die derzeit im Begriff ist, ihre Überlieferung nach eigenen Plausibilitäten zu digitalisieren: die Epoche des Mittelalters.

          Normierung der Bastarde

          Ein grundlegender Unterschied zwischen der Textüberlieferung des Mittelalters und jener der Neuzeit besteht darin, dass wir es im Mittelalter nicht mit maschinell hergestellten Werken zu tun haben, sondern mit handgeschriebenen Kodizes. Dies bedeutet, dass es strenggenommen keine serielle Produktion von Texten gibt. Jeder Kodex darf beanspruchen, ein Unikat zu sein, das sich durch wenn auch mitunter feinste Abweichungen von den übrigen Trägern der Überlieferung unterscheidet. Erst die Evaluierung der Gesamtüberlieferung, die Ermittlung von Vorzugshandschriften und die darauf beruhende Herstellung von normierten Textausgaben führen zu Ergebnissen, die als historisch-kritische Ausgaben firmieren. Ebendiese Spannung zwischen historisch-kritischer Normgestalt und „bastardisierten“ Nebenformen kann über den Weg der Digitalisierung entschärft werden.

          Divergente Textfassungen können synoptisch nebeneinandergestellt und damit die Überlieferung verglichen werden. Hierdurch wiederum kann deutlich werden, dass die Kategorie des Normativen im Mittelalter völlig anders zu bewerten ist als in der Neuzeit. Quellenforschung, Literatur- und Sprachgeschichte erhalten eine idiomatische Zusatzbasis, die ergänzend zur standardisierten Vorzugsausgabe hinzutritt. Um ein Beispiel zu nennen: Man kann den Parzival nun in divergenten Fassungen, in ihrem akzidentiellen Überlieferungsgewand, lesen, ganz so, wie es eine ritterliche Klientel im hintersten Winkel der Alpen getan haben mag: lokal gebunden, überlieferungsgeschichtlich konditioniert und kasual eingeschränkt.

          Die Erschließung neuer Zusammenhänge

          Ein Weiteres kommt hinzu: Es ist mitunter schwierig, im Schriftgut des Mittelalters auktoriale, kompilatorische, glossatorische und kopiale Überlieferung voneinander zu scheiden. Die verschiedenen Formen der Morphogenese eines Textes gehen vielfach fließend ineinander über. Der „Text“ als Endprodukt eines dynamischen Prozesses tritt als das in Erscheinung, was niemand im Sinn hatte am Beginn seiner Entstehung: als unauflösliches Gebinde verschiedenartigster Überlagerungen. Welchen Anteil der Autor, welchen die Quellen, welchen der Kommentator, ja welchen der Kopist am vorliegenden Endprodukt der Überlieferung, eben der Handschrift, haben, dies bleibt häufig unklar und kann nur durch den fortwährenden Rekurs auf die Kodizes geklärt werden. Sicher ist dies keine mittelalterliche, wohl aber ist es eine neuzeitliche Fragestellung der mediävistischen Textphilologie. Hier können Digitalisate eine qualitätvolle, breitgefächerte Materialbasis zur Verfügung stellen, die es erlaubt, textmorphologische Zusammenhänge am Quasi-Original zu verifizieren und eindeutiger zu erfassen.

          Ein dritter Gesichtspunkt kommt hinzu. Er bezieht sich auf die Rekonstruktion kompletter Sammlungen. Insbesondere wenn mittelalterliche Bibliotheken ganz oder in Teilen disloziert sind - und dies ist allein durch die Einwirkung der Säkularisation nicht eben selten der Fall -, kann die Digitalisierung zu einem Instrument werden, das es ermöglicht, ein zerstreutes Textkorpus zumindest virtuell wieder zusammenzuführen. Damit kann ein historischer Zustand rekonstruiert werden, der in der Realität nicht mehr besteht. Es ist evident, dass die hieraus sich ergebenden Forschungen zu völlig neuen Ergebnissen führen können. Zur eher phänotypisch akzentuierten Handschriftenbeschreibung klassischer Schule tritt als ergänzendes Paradigma ein ätiologisches Moment hinzu: Es geht um die Frage, aus welchem Grund eine Handschrift Bestandteil einer bestimmten Sammlung wurde, inwiefern sie koexistierende Überlieferungsträger des gleichen Textes ergänzt beziehungsweise worin sie hinter ihnen zurückbleibt. Man könnte auch sagen: Hier lässt sich die Sozial- und Funktionsgeschichte eines Kodex schreiben, seine intellektuelle Biographie sozusagen, und zwar vor dem Hintergrund der jeweiligen „Familie“ einer kompletten Sammlung.

          Dynamisierung des Textes

          Es liegt auf der Hand, dass durch solche korpusgebundenen Erhebungen weitreichende Rückschlüsse auf die Tätigkeit eines Skriptoriums oder den führenden „Mastermind“ einer bestimmten Schule, einer Kanzlei, eines Hofes oder einer Universität gezogen werden können. Auch lässt sich durch Untersuchungen dieser Art die korporative Causa scribendi eines Skriptoriums und der dahinter stehenden Körperschaft leichter freilegen. Eine wichtige Voraussetzung, dies zu erreichen, besteht darin, die Digitalisate mit sämtlichem recherchierbaren Material aus ihrem Umfeld zu verknüpfen: Handschriftenkatalogen, Texteditionen, Transkriptionen, Forschungsberichten, speziellen Glossaren oder auch bibliographischen Zusammenstellungen. Erst dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, die nur grafisch erfasste Reproduktion der Handschrift mit „intelligentem“ Material zu kombinieren, das die tote Matrix mit dem prallen Leben der Forschung füllt. Die geistige Dynamik der Welt- und Wissensordnungen oder der je unterschiedlich begrenzten Wissensräume, zu denen ja auch Bibliotheken gehören, kann - idealtypisch gesehen - für jeden Moment ihrer Geschichte nachvollzogen werden.

          Für die Literatur des Mittelalters sind große Sammlungen und Datenbanken digitalisierter Bestände im Aufbau oder bereits abgeschlossen, so das Pilotprojekt „Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis“ mit den Handschriften der Dombibliothek Köln, die „Codices Electronici Sangallenses“ mit den Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, ferner die an der Universität Heidelberg angesiedelte Datenbank „Manuscripta Mediaevalia“, die sich zu einer zentralen Sammelstelle digitalisierter Handschriften in Deutschland mausert, oder das Projekt „E-Codices“, das eine virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz verfolgt.

          Keine grundsätzliche Neubestimmung

          Stellt man die Frage, ob die Digitalisierung von Handschriften eine gewissermaßen endzeitliche Wiederherstellung des geistigen Gehalts dieser Epoche bewirkt, so wird die Antwort wohl lauten: Nein, gewiss nicht. Trotzdem muss der Gesamtbefund keineswegs negativ ausfallen. Es gibt eine ganze Reihe zukunftsträchtiger Aspekte der Digitalisierung. Zu manchem kann sie Beiträge leisten, die man als willkommene Verbesserung der Ausgangslage bezeichnen könnte, ohne dass dadurch gleich eine grundsätzliche Neubestimmung der mittelalterlichen Textforschung vorgenommen werden müsste. Verfügbarkeit, Lesbarkeit, Multimedialität von Textüberlieferung wären hier die Stichworte. Vorbehalte ergeben sich aus Energiekrise, Stromknappheit, beschleunigten Innovationszyklen und fragwürdigen Langzeitarchivierungen.

          Letztlich reicht es nicht aus, auf Seiten der Objektbasis unablässig neu digitales Material zu akkumulieren. Parallel dazu müsste auf Seiten der Forschung die Bereitschaft zum aktiven Einsatz technologisch und methodisch innovativer Verfahren gefördert werden. Die Digitalisierung allein ohne eine begleitende Theoriedebatte und ohne ein verfeinertes methodisches Rüstzeug betreiben zu wollen dürfte zu verkürzten Ergebnissen führen. Beide Seiten, das Material und die Forschung, die Technik und die Methodologie, sind aufs engste miteinander verbunden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Wahlsieg : Die Heldengeschichten der Tories

          Nach dem Sieg in der Unterhauswahl will Boris Johnson die Bürokratie stärker auf seine Politik ausrichten, munkelt man – in Westminster löst das Unruhe aus. Wer zum Erfolg des Premiers entscheidend beigetragen hat, ist hingegen glasklar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.