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Digitalisierung : Die intelligentere Expansion der Gutenberg-Galaxis

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Der Kopf steckt zwischen zwei Speicherformen: die älteste Bibel der Welt in handschriftlicher und digitaler Form (Hintergrund) an der Universitätsbibliothek Leipzig Bild: dpa

Immer mehr Handschriften werden in digitale Bibliotheken überführt. Was bedeutet das für die Forschung? Das Digitalisat ist keine bloße Kopie. Seine vielfältigen Verknüpfungsmöglichkeiten erlauben ganz neue Einsichten in die Wissensordnung einer Epoche.

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          Medienhistorisch betrachtet, leben wir in einem Zeitalter der digitalen Revolution. Große Mengen des konventionell überlieferten Schrifttums werden in vergleichsweise kurzer Zeit aus einem analogen in einen digitalen Status überführt. Die physische Präsenz eines Textes verwandelt sich in eine virtuelle, wobei der Verlust an Materialität nicht verbunden ist mit einem gleichartigen Verlust an Inhalt. Im Gegenteil: das Digitalisat bildet, sofern die Benutzung nicht durch technische, juristische oder finanzielle Restriktionen beeinträchtigt ist, den vollgültigen Ersatz für das gedruckte Werk, ja es übertrifft dieses durch neuartige Möglichkeiten des interaktiven Zugriffs. Voraussetzung ist, dass die Texte nicht im Sinne von grafischen Repräsentanten bloß visuell abgebildet sind, sondern als kodierte Einzelzeichen („Caracters“) individuell erforschbar gemacht werden.

          Initiativen zur Digitalisierung von Schriftgut werden derzeit von unterschiedlicher Seite ergriffen. Aus privatwirtschaftlicher Sicht ist ein Vorstoß des Datenbank-Betreibers Google zu nennen. Gemeinsam mit einigen amerikanischen, europäischen und japanischen Bibliotheken - unter anderen Harvard, Stanford, Oxford, Keio und München - möchte man den urheberrechtsfreien Anteil der Druckwerke vom Erscheinungsjahr 1500 an digitalisieren. Das auf 15 Millionen Bände berechnete Projekt befindet sich mittlerweile in der Phase der Realisierung, obwohl es von der Nationalbibliothek Paris als Akt kultureller Homogenisierung und weitreichender Angloamerikanisierung kontinentaleuropäischer Überlieferung kritisiert wurde.

          Das europäische Kulturerbe in digitaler Gestalt

          Die Google-Initiative wirkte gewiss als Motor für einige multinationale, nichtkommerzielle Projekte, etwa das von der Europäischen Kommission getragene Projekt eines „Europäischen Repositorys aus Bibliotheken, Museen und Archiven“, kurz Europeana. Das im Jahre 2005 gestartete Vorhaben hat zum Ziel, die kulturelle und wissenschaftliche Überlieferung Europas in digitaler Form darzustellen und allgemein zugänglich zu machen. Hierzu gehören Bücher, Filme, Zeitschriften, Karten, Fotografien, Musik und Museumsobjekte. Auch wenn zurzeit erst weniger als ein Prozent verwirklicht ist, so scheint es doch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Europeana das gesamte europäische Kulturerbe in digitaler Gestalt abspiegelt. Auch im föderalen Deutschland wurden frühzeitig, genauer gesagt seit 1997, wegweisende Initiativen ergriffen. Hinzuweisen ist auf die beiden Digitalisierungszentren an den Universitäten von Göttingen und München oder auf das von Kurt Gärtner begründete und von Claudine Moulin geleitete Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier.

          Die hier nur exemplarisch genannten Projekte beweisen die internationale Anschlussfähigkeit Deutschlands auf dem Gebiet der Digitalisierung. Bei alldem gilt: Technische Machbarkeit, politischer Wille und operative Umsetzung agieren simultan für das gemeinsame Ziel. Ob bei alldem die technischen Probleme, die sich insbesondere aus der Notwendigkeit einer Langzeitarchivierung ergeben, gelöst sind, mag bezweifelt werden. Manche Beobachtungen raten hier zur Skepsis, ja sie lösen den Verdacht aus, die Digitalisierung führe die ehemals „feste“ Überlieferung des analogen Zeitalters in einen labilen, ephemeren Status zurück, der strukturelle Ähnlichkeiten zu dem oralen, fugativen Überlieferungsmodell der vorschriftlichen Epochen besitzt. Neben der Haltbarkeit der Datenträger sind vor allem die ständige Weiterentwicklung der Hard- und Software sowie der Dateiformate ein großes Dilemma. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob die Langzeitarchivierung wirklich ein Thema der Technik oder nicht eher der Gesellschaft ist. Die „kollektive Memoria“ der Überlieferungsgemeinschaften, so darf man hoffen, wird schon dafür sorgen, dass Erhaltenswertes auch erhalten bleibt, in welcher Form auch immer.

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