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Digitalisierung : Die intelligentere Expansion der Gutenberg-Galaxis

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Es liegt auf der Hand, dass durch solche korpusgebundenen Erhebungen weitreichende Rückschlüsse auf die Tätigkeit eines Skriptoriums oder den führenden „Mastermind“ einer bestimmten Schule, einer Kanzlei, eines Hofes oder einer Universität gezogen werden können. Auch lässt sich durch Untersuchungen dieser Art die korporative Causa scribendi eines Skriptoriums und der dahinter stehenden Körperschaft leichter freilegen. Eine wichtige Voraussetzung, dies zu erreichen, besteht darin, die Digitalisate mit sämtlichem recherchierbaren Material aus ihrem Umfeld zu verknüpfen: Handschriftenkatalogen, Texteditionen, Transkriptionen, Forschungsberichten, speziellen Glossaren oder auch bibliographischen Zusammenstellungen. Erst dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, die nur grafisch erfasste Reproduktion der Handschrift mit „intelligentem“ Material zu kombinieren, das die tote Matrix mit dem prallen Leben der Forschung füllt. Die geistige Dynamik der Welt- und Wissensordnungen oder der je unterschiedlich begrenzten Wissensräume, zu denen ja auch Bibliotheken gehören, kann - idealtypisch gesehen - für jeden Moment ihrer Geschichte nachvollzogen werden.

Für die Literatur des Mittelalters sind große Sammlungen und Datenbanken digitalisierter Bestände im Aufbau oder bereits abgeschlossen, so das Pilotprojekt „Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis“ mit den Handschriften der Dombibliothek Köln, die „Codices Electronici Sangallenses“ mit den Handschriften der Stiftsbibliothek St. Gallen, ferner die an der Universität Heidelberg angesiedelte Datenbank „Manuscripta Mediaevalia“, die sich zu einer zentralen Sammelstelle digitalisierter Handschriften in Deutschland mausert, oder das Projekt „E-Codices“, das eine virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz verfolgt.

Keine grundsätzliche Neubestimmung

Stellt man die Frage, ob die Digitalisierung von Handschriften eine gewissermaßen endzeitliche Wiederherstellung des geistigen Gehalts dieser Epoche bewirkt, so wird die Antwort wohl lauten: Nein, gewiss nicht. Trotzdem muss der Gesamtbefund keineswegs negativ ausfallen. Es gibt eine ganze Reihe zukunftsträchtiger Aspekte der Digitalisierung. Zu manchem kann sie Beiträge leisten, die man als willkommene Verbesserung der Ausgangslage bezeichnen könnte, ohne dass dadurch gleich eine grundsätzliche Neubestimmung der mittelalterlichen Textforschung vorgenommen werden müsste. Verfügbarkeit, Lesbarkeit, Multimedialität von Textüberlieferung wären hier die Stichworte. Vorbehalte ergeben sich aus Energiekrise, Stromknappheit, beschleunigten Innovationszyklen und fragwürdigen Langzeitarchivierungen.

Letztlich reicht es nicht aus, auf Seiten der Objektbasis unablässig neu digitales Material zu akkumulieren. Parallel dazu müsste auf Seiten der Forschung die Bereitschaft zum aktiven Einsatz technologisch und methodisch innovativer Verfahren gefördert werden. Die Digitalisierung allein ohne eine begleitende Theoriedebatte und ohne ein verfeinertes methodisches Rüstzeug betreiben zu wollen dürfte zu verkürzten Ergebnissen führen. Beide Seiten, das Material und die Forschung, die Technik und die Methodologie, sind aufs engste miteinander verbunden.

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