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Digitalisierung : Die intelligentere Expansion der Gutenberg-Galaxis

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Divergente Textfassungen können synoptisch nebeneinandergestellt und damit die Überlieferung verglichen werden. Hierdurch wiederum kann deutlich werden, dass die Kategorie des Normativen im Mittelalter völlig anders zu bewerten ist als in der Neuzeit. Quellenforschung, Literatur- und Sprachgeschichte erhalten eine idiomatische Zusatzbasis, die ergänzend zur standardisierten Vorzugsausgabe hinzutritt. Um ein Beispiel zu nennen: Man kann den Parzival nun in divergenten Fassungen, in ihrem akzidentiellen Überlieferungsgewand, lesen, ganz so, wie es eine ritterliche Klientel im hintersten Winkel der Alpen getan haben mag: lokal gebunden, überlieferungsgeschichtlich konditioniert und kasual eingeschränkt.

Die Erschließung neuer Zusammenhänge

Ein Weiteres kommt hinzu: Es ist mitunter schwierig, im Schriftgut des Mittelalters auktoriale, kompilatorische, glossatorische und kopiale Überlieferung voneinander zu scheiden. Die verschiedenen Formen der Morphogenese eines Textes gehen vielfach fließend ineinander über. Der „Text“ als Endprodukt eines dynamischen Prozesses tritt als das in Erscheinung, was niemand im Sinn hatte am Beginn seiner Entstehung: als unauflösliches Gebinde verschiedenartigster Überlagerungen. Welchen Anteil der Autor, welchen die Quellen, welchen der Kommentator, ja welchen der Kopist am vorliegenden Endprodukt der Überlieferung, eben der Handschrift, haben, dies bleibt häufig unklar und kann nur durch den fortwährenden Rekurs auf die Kodizes geklärt werden. Sicher ist dies keine mittelalterliche, wohl aber ist es eine neuzeitliche Fragestellung der mediävistischen Textphilologie. Hier können Digitalisate eine qualitätvolle, breitgefächerte Materialbasis zur Verfügung stellen, die es erlaubt, textmorphologische Zusammenhänge am Quasi-Original zu verifizieren und eindeutiger zu erfassen.

Ein dritter Gesichtspunkt kommt hinzu. Er bezieht sich auf die Rekonstruktion kompletter Sammlungen. Insbesondere wenn mittelalterliche Bibliotheken ganz oder in Teilen disloziert sind - und dies ist allein durch die Einwirkung der Säkularisation nicht eben selten der Fall -, kann die Digitalisierung zu einem Instrument werden, das es ermöglicht, ein zerstreutes Textkorpus zumindest virtuell wieder zusammenzuführen. Damit kann ein historischer Zustand rekonstruiert werden, der in der Realität nicht mehr besteht. Es ist evident, dass die hieraus sich ergebenden Forschungen zu völlig neuen Ergebnissen führen können. Zur eher phänotypisch akzentuierten Handschriftenbeschreibung klassischer Schule tritt als ergänzendes Paradigma ein ätiologisches Moment hinzu: Es geht um die Frage, aus welchem Grund eine Handschrift Bestandteil einer bestimmten Sammlung wurde, inwiefern sie koexistierende Überlieferungsträger des gleichen Textes ergänzt beziehungsweise worin sie hinter ihnen zurückbleibt. Man könnte auch sagen: Hier lässt sich die Sozial- und Funktionsgeschichte eines Kodex schreiben, seine intellektuelle Biographie sozusagen, und zwar vor dem Hintergrund der jeweiligen „Familie“ einer kompletten Sammlung.

Dynamisierung des Textes

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