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Digitalisierung : Die intelligentere Expansion der Gutenberg-Galaxis

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Allverfügbarkeit

Unbeeindruckt hiervon vereinigen sich weitreichende Allianz-Initiativen des In- und Auslandes in ihren Bemühungen, digitale Infrastrukturen zu schaffen. Nationallizenzen, Open-Access-Zugänge, Hosting-Strategien, langfristige Sicherung digitaler Primärdaten, Entwicklung virtueller Forschungsumgebungen, Einsatz kooperativer Grid-Technologien und Abklärung rechtlicher Rahmenbedingungen haben sich als zentrale Felder herausgebildet, auf denen gewaltige Anstrengungen unternommen werden, die weltweite Nutzung digitaler Überlieferung möglich zu machen. Und in der Tat, die Vorteile der neuen Medienform liegen auf der Hand: Digitalisierte Texte schützen, ersetzen oder retten die Originale. Zudem erhalten sie durch die Einstellung ins Internet einen ubiquitären Status.

Schmerzlich beklagte Hindernisse in der herkömmlichen Nutzung wie mangelnde Auffindbarkeit, hohe Kosten, Verluste an Zeit sowie alters- oder schichtenspezifische Einschränkungen auf Seiten der Endnutzer entfallen oder verlieren an Bedeutung. Indem der Präsenzcharakter der Überlieferung eine neue Dynamik entwickelt, demokratisiert, universalisiert und globalisiert sich das kulturelle Erbe der Menschheit - bei einer verbleibenden Abhängigkeit von der Technik selbstverständlich. Auch wenn im Einzelnen noch zahlreiche Probleme zu lösen sind, so scheint der Weg ins digitale Zeitalter doch grundsätzlich geebnet. Die Expansion der Gutenberg-Galaxis schreitet unablässig voran, und die Digitalisierung ist der entscheidende Faktor, ihr neue Horizonte zu erschließen.

Ein Mehrwert an Erkenntnis?

Es fällt allerdings auf, dass die theoretische Debatte über die Nutzungsmöglichkeiten des neuen Mediums merkwürdig schleppend verläuft, um nicht zu sagen: dass sie bislang ausgeblieben ist. Eine überzeugende Heuristik der digitalen Textüberlieferung existiert nicht, und manch verdienter Wissenschaftler mag ratlos den Kopf schütteln angesichts der sturzflutartig auf ihn herniederprasselnden Masse an digitalen Daten und der Versprechungen neuer Forschungsmöglichkeiten. Es droht die Gefahr, dass der geordnete Kosmos, den die Vorstellung einer Bibliothek, eines Archivs oder eines Museums evoziert, sich auflöst in das Bild einer wilden Deponie, auf der alle möglichen Gebrauchsmaterialien der Überlieferung abgelegt und entsorgt werden. Die alles entscheidende Frage lautet hier: Welchen Mehrwert an Erkenntnis bringt es, wenn Überlieferung nicht mehr in analoger, sondern in digitaler Form genutzt wird?

Nun, es mag schwierig sein, eine solche Frage auf dem Felde generalisierter Betrachtung zu beantworten. Sinnvoller erscheint es, sich einzuschränken und den Fokus auf eine Epoche zu lenken, die derzeit im Begriff ist, ihre Überlieferung nach eigenen Plausibilitäten zu digitalisieren: die Epoche des Mittelalters.

Normierung der Bastarde

Ein grundlegender Unterschied zwischen der Textüberlieferung des Mittelalters und jener der Neuzeit besteht darin, dass wir es im Mittelalter nicht mit maschinell hergestellten Werken zu tun haben, sondern mit handgeschriebenen Kodizes. Dies bedeutet, dass es strenggenommen keine serielle Produktion von Texten gibt. Jeder Kodex darf beanspruchen, ein Unikat zu sein, das sich durch wenn auch mitunter feinste Abweichungen von den übrigen Trägern der Überlieferung unterscheidet. Erst die Evaluierung der Gesamtüberlieferung, die Ermittlung von Vorzugshandschriften und die darauf beruhende Herstellung von normierten Textausgaben führen zu Ergebnissen, die als historisch-kritische Ausgaben firmieren. Ebendiese Spannung zwischen historisch-kritischer Normgestalt und „bastardisierten“ Nebenformen kann über den Weg der Digitalisierung entschärft werden.

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