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„Digital Humanities“ : Auf dem Weg zur digitalen Großarchitektur

Synchronie der Medienepochen: vernetztes Studieren vor den Bücherwänden der British Library in London Bild: Reuters

Zentralisiert, standardisiert, europäisiert: Die Geistes- und Sozialwissenschaften überlegen, wie die Strukturen ihrer Forschung dem Wandel der Wissensordnung anzupassen sind.

          4 Min.

          Forschungsinfrastrukturen zählten bisher nicht zu den Magneten unter den geisteswissenschaftlichen Tagungsthemen. Dass in Bonn mehr als zweihundert Wissenschaftler der Einladung des Wissenschaftsrats und der Deutschen Forschungsgemeinschaft folgten, um sich durch die Funktionslyrik dieses Themas zu kämpfen, verlangt deshalb nach einer Erklärung. Sie hat, man ahnt es, viel mit Daten und Rechnern zu tun.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Datenbanken war das Erste und oft Einzige, was den meisten Geisteswissenschaftlern einfiel, als der Wissenschaftsrat sie vor einigen Jahren nach besonders förderungswerten Infrastrukturen in ihren Disziplinen zu befragen begann. Der Impuls dazu kam vom Europäischen Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI), das wichtige Großanlagen seit knapp zehn Jahren in eine europäische Förderung einzubetten versucht.

          Für die Nationen war das ein Anlass, ihre Forschungsräume nach wichtigen Infrastrukturen zu sondieren und für die Aufnahme in die ESFRI vorzuschlagen. Gleichzeitig gewann man einen Überblick, wo nationale Instrumente ansetzen können. In Bonn versuchte man im Gespräch zwischen Forschern und Förderern Angebot und Nachfrage genauer aufeinander abzustimmen und sich zunächst einmal darüber klarzuwerden, was mit dem Technokratenwort überhaupt gemeint sein sollte.

          Erkenntnisgewinn durch Vernetzung

          Dass neben Suchmaschinen, Datenbanken, Netzwerken dazu immer noch die klassisch festkörperlichen Gebilde wie Bibliotheken, Archive, Sammlungen oder Forschungskollegs zählen, konnte fast erstaunen. Aber auch letztere führen inzwischen meist ein analog-digitales Doppelleben führen und werden das in Zukunft umso mehr tun. Die Übergänge zwischen Instituten und Bibliotheken, Datenbanken, Sammlungen und Museen werden fließend und dynamisch. Wie überhaupt in der elektronisch aufgewirbelten Wissenschaftsordnung alles internationalisiert, vernetzt, verflüssigt zu denken ist.

          Das Wunschbild sind staatenübergreifende Forscherkollektive, die flexibel Daten und Forschungen tauschen. Der leichte Zugang zu weit verstreuten Quellen soll neue Forschungsfelder und Erkenntnisse öffnen. Ob das Pariser Wetter im Juli 1789 unter die revolutionsbegünstigenden Faktoren gezählt werden kann, erschließt sich dem Historiker zum Beispiel mit flexiblem Zugriff auf klimatologische Datenbanken. Eine vergleichende Analyse europäischer Geburtenraten fällt leichter, wenn die Makrodaten in transnationalen Portalen zur Verfügung stehen.

          Standards für eine transnationale Forschung

          Standardisierung ist die Losung auf dem Weg zur digitalen Großarchitektur. Damit die Passage zum Digitalen nicht in Kleinstaaterei endet, ist viel Koordinationsarbeit nötig. Wie verhindert man, dass Gleiches doppelt und dreifach digitalisiert wird? Wie macht man Daten leicht zugänglich und vernetzbar? Wie sind Wissenschaftler zur Preisgabe ihrer Daten zu bewegen? Wie macht man den in einen Konkurrenzkampf getriebenen Universitäten die neuen Kooperationsformen attraktiv? Lokale Lösungen, so der Konsens, haben ausgedient, Zentralisierungsformen werden gesucht. Erwünscht sind vor allem mehr Datenzentren und methodische Schulung. Dass diese Portale international anschlussfähig und vernetzbar sein müssen, bedarf kaum mehr der Erwähnung. Auch im Austausch zwischen Natur- und Humanwissenschaften will man Datenschleusen und Labortüren öffnen.

          Daneben bedarf es neuer Werkzeuge. Bildanalytiker etwa dürfen nicht auf kommerziell gefilterte Angebote zurückgreifen, wenn sie vorurteilsfreie Forschung betreiben wollen. Bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes, die noch lange dauern wird, sind Metadatenstandards wichtig, um Bestände flexibel verknüpfen zu können. In den Sozialwissenschaften wünscht man eine bessere Integration qualitativer Daten in die mit quantitativen Daten gut gefüllten Bestände und erhofft sich davon auch neue methodische Impulse. Die Digitalisierung soll kein blindes, theoriefreies Anhäufen von Datenbergen sein.

          Europäische Chimären

          Insgesamt heißt das alles auch: mehr Geld. Datenbanken sind dynamisch, Aufbau und Betrieb brauchen Expertise, Schulung, Pflege. Von den Förderern sei dies in die Antragsprofile aufzunehmen, erwarten die Wissenschaftler. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zeigte sich aufgeschlossen.

          Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung bedeutet die Förderung von Forschungsinfrastrukturen die Beteiligung an ESFRI-Projekten. Davon gibt es in den Geistes- und Sozialwissenschaften derzeit fünf, für die Soziologie sind es Langzeitstudien über das Altern, Umfragen über Gesellschaft und Politik und ein Zusammenschluss europäischer Datenarchive. Die Geisteswissenschaften haben die noch chimärenhaft wirkenden Datenportale Clarin und Dariah vorzuweisen, die jedem Wissenschaftler für die Aufnahme eigener und die Akquise fremder Forschungsdaten offen stehen. Dass Helge Kähler vom Bundesforschungsministerium sie auf die Metapher eines Abwassernetzes ohne durchfließende Abwässer brachte, lud wenig zur Mitarbeit ein.

          Derzeit scheinen die europäischen Initiativen noch wenig bekannt zu sein oder in sicherer Distanz zum tatsächlichen Forschungsbedarf. Ein zweiter Weg ist es, aus Forschungsprojekten institutionelle Dauerstrukturen zu entwickeln, die mit langem Atem unter der insulären Forschung und der Hatz der Projekte hinwegtauchen. Die Möglichkeit, Projekte zu verstetigen, sei deshalb in die Antragsprofile der Förderorganisationen aufzunehmen. Die DFG zeigte Verständnis.

          Geisteswissenschaft als content management

          Die Digital Humanities sind kein Hochgeschwindigkeitszug, sondern ein gemächlich, aber stetig vorantreibendes Unternehmen, dem bisher noch die Anerkennung seiner Leistungen fehlt. Mit dem Engagement in digitalen Projekten ist weiter kein Blumentopf zu gewinnen. In Bonn war man sich einig, dass infrastrukturelle Arbeit künftig nicht geringer als wissenschaftliche Publikationen zu werten sei. Auch die Zahl geisteswissenschaftlicher Kentauren mit informationstechnischer Expertise, in den Digitalisierungsprojekten sehr begehrt, sei auszubauen.

          Wo alles auf Dynamik und Durchlässigkeit drängt, hat das Ruhende und Feste keinen leichten Stand. Weniger unangefochten scheint die Allianz zwischen Förderern und Forschern, was die Forschungskollegs und die Centers for Advanced Studies betrifft. Den Wissenschaftlern scheinen sie auch als eine Art Entschleunigungsidyll besonders unterstützenswert. Zu einer dauerhaften Finanzierung will man sich auf Seiten der Förderer jedoch nicht so leicht überreden lassen. Auch auf das vom Wissenschaftsrat empfohlene nationale Förderprogramm für die Infrastrukturen legten sich die Vertreter des Ministeriums nicht fest.

          Strukturen verändern Mentalitäten. Dem Sozialwissenschaftler fällt es leichter als dem Geisteswissenschaftler, dem Empiriker leichter als dem Hermeneuten, sich auch als content manager zu begreifen. Die neue Wissenschaftslandschaft, das wurde in Bonn deutlich, existiert nicht mehr nur als Phrase. Der Professor, der seine Mails ausdrucken lässt oder sich als einsam sinnendes Genie begreift, hat es schwer, in ihr einen Ort zu finden. In Bonn stand niemand auf, ihn zu verteidigen.

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