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„Digital Humanities“ : Auf dem Weg zur digitalen Großarchitektur

Synchronie der Medienepochen: vernetztes Studieren vor den Bücherwänden der British Library in London Bild: Reuters

Zentralisiert, standardisiert, europäisiert: Die Geistes- und Sozialwissenschaften überlegen, wie die Strukturen ihrer Forschung dem Wandel der Wissensordnung anzupassen sind.

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          Forschungsinfrastrukturen zählten bisher nicht zu den Magneten unter den geisteswissenschaftlichen Tagungsthemen. Dass in Bonn mehr als zweihundert Wissenschaftler der Einladung des Wissenschaftsrats und der Deutschen Forschungsgemeinschaft folgten, um sich durch die Funktionslyrik dieses Themas zu kämpfen, verlangt deshalb nach einer Erklärung. Sie hat, man ahnt es, viel mit Daten und Rechnern zu tun.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Datenbanken war das Erste und oft Einzige, was den meisten Geisteswissenschaftlern einfiel, als der Wissenschaftsrat sie vor einigen Jahren nach besonders förderungswerten Infrastrukturen in ihren Disziplinen zu befragen begann. Der Impuls dazu kam vom Europäischen Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI), das wichtige Großanlagen seit knapp zehn Jahren in eine europäische Förderung einzubetten versucht.

          Für die Nationen war das ein Anlass, ihre Forschungsräume nach wichtigen Infrastrukturen zu sondieren und für die Aufnahme in die ESFRI vorzuschlagen. Gleichzeitig gewann man einen Überblick, wo nationale Instrumente ansetzen können. In Bonn versuchte man im Gespräch zwischen Forschern und Förderern Angebot und Nachfrage genauer aufeinander abzustimmen und sich zunächst einmal darüber klarzuwerden, was mit dem Technokratenwort überhaupt gemeint sein sollte.

          Erkenntnisgewinn durch Vernetzung

          Dass neben Suchmaschinen, Datenbanken, Netzwerken dazu immer noch die klassisch festkörperlichen Gebilde wie Bibliotheken, Archive, Sammlungen oder Forschungskollegs zählen, konnte fast erstaunen. Aber auch letztere führen inzwischen meist ein analog-digitales Doppelleben führen und werden das in Zukunft umso mehr tun. Die Übergänge zwischen Instituten und Bibliotheken, Datenbanken, Sammlungen und Museen werden fließend und dynamisch. Wie überhaupt in der elektronisch aufgewirbelten Wissenschaftsordnung alles internationalisiert, vernetzt, verflüssigt zu denken ist.

          Das Wunschbild sind staatenübergreifende Forscherkollektive, die flexibel Daten und Forschungen tauschen. Der leichte Zugang zu weit verstreuten Quellen soll neue Forschungsfelder und Erkenntnisse öffnen. Ob das Pariser Wetter im Juli 1789 unter die revolutionsbegünstigenden Faktoren gezählt werden kann, erschließt sich dem Historiker zum Beispiel mit flexiblem Zugriff auf klimatologische Datenbanken. Eine vergleichende Analyse europäischer Geburtenraten fällt leichter, wenn die Makrodaten in transnationalen Portalen zur Verfügung stehen.

          Standards für eine transnationale Forschung

          Standardisierung ist die Losung auf dem Weg zur digitalen Großarchitektur. Damit die Passage zum Digitalen nicht in Kleinstaaterei endet, ist viel Koordinationsarbeit nötig. Wie verhindert man, dass Gleiches doppelt und dreifach digitalisiert wird? Wie macht man Daten leicht zugänglich und vernetzbar? Wie sind Wissenschaftler zur Preisgabe ihrer Daten zu bewegen? Wie macht man den in einen Konkurrenzkampf getriebenen Universitäten die neuen Kooperationsformen attraktiv? Lokale Lösungen, so der Konsens, haben ausgedient, Zentralisierungsformen werden gesucht. Erwünscht sind vor allem mehr Datenzentren und methodische Schulung. Dass diese Portale international anschlussfähig und vernetzbar sein müssen, bedarf kaum mehr der Erwähnung. Auch im Austausch zwischen Natur- und Humanwissenschaften will man Datenschleusen und Labortüren öffnen.

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