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„Digital Humanities“ : Auf dem Weg zur digitalen Großarchitektur

Daneben bedarf es neuer Werkzeuge. Bildanalytiker etwa dürfen nicht auf kommerziell gefilterte Angebote zurückgreifen, wenn sie vorurteilsfreie Forschung betreiben wollen. Bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes, die noch lange dauern wird, sind Metadatenstandards wichtig, um Bestände flexibel verknüpfen zu können. In den Sozialwissenschaften wünscht man eine bessere Integration qualitativer Daten in die mit quantitativen Daten gut gefüllten Bestände und erhofft sich davon auch neue methodische Impulse. Die Digitalisierung soll kein blindes, theoriefreies Anhäufen von Datenbergen sein.

Europäische Chimären

Insgesamt heißt das alles auch: mehr Geld. Datenbanken sind dynamisch, Aufbau und Betrieb brauchen Expertise, Schulung, Pflege. Von den Förderern sei dies in die Antragsprofile aufzunehmen, erwarten die Wissenschaftler. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zeigte sich aufgeschlossen.

Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung bedeutet die Förderung von Forschungsinfrastrukturen die Beteiligung an ESFRI-Projekten. Davon gibt es in den Geistes- und Sozialwissenschaften derzeit fünf, für die Soziologie sind es Langzeitstudien über das Altern, Umfragen über Gesellschaft und Politik und ein Zusammenschluss europäischer Datenarchive. Die Geisteswissenschaften haben die noch chimärenhaft wirkenden Datenportale Clarin und Dariah vorzuweisen, die jedem Wissenschaftler für die Aufnahme eigener und die Akquise fremder Forschungsdaten offen stehen. Dass Helge Kähler vom Bundesforschungsministerium sie auf die Metapher eines Abwassernetzes ohne durchfließende Abwässer brachte, lud wenig zur Mitarbeit ein.

Derzeit scheinen die europäischen Initiativen noch wenig bekannt zu sein oder in sicherer Distanz zum tatsächlichen Forschungsbedarf. Ein zweiter Weg ist es, aus Forschungsprojekten institutionelle Dauerstrukturen zu entwickeln, die mit langem Atem unter der insulären Forschung und der Hatz der Projekte hinwegtauchen. Die Möglichkeit, Projekte zu verstetigen, sei deshalb in die Antragsprofile der Förderorganisationen aufzunehmen. Die DFG zeigte Verständnis.

Geisteswissenschaft als content management

Die Digital Humanities sind kein Hochgeschwindigkeitszug, sondern ein gemächlich, aber stetig vorantreibendes Unternehmen, dem bisher noch die Anerkennung seiner Leistungen fehlt. Mit dem Engagement in digitalen Projekten ist weiter kein Blumentopf zu gewinnen. In Bonn war man sich einig, dass infrastrukturelle Arbeit künftig nicht geringer als wissenschaftliche Publikationen zu werten sei. Auch die Zahl geisteswissenschaftlicher Kentauren mit informationstechnischer Expertise, in den Digitalisierungsprojekten sehr begehrt, sei auszubauen.

Wo alles auf Dynamik und Durchlässigkeit drängt, hat das Ruhende und Feste keinen leichten Stand. Weniger unangefochten scheint die Allianz zwischen Förderern und Forschern, was die Forschungskollegs und die Centers for Advanced Studies betrifft. Den Wissenschaftlern scheinen sie auch als eine Art Entschleunigungsidyll besonders unterstützenswert. Zu einer dauerhaften Finanzierung will man sich auf Seiten der Förderer jedoch nicht so leicht überreden lassen. Auch auf das vom Wissenschaftsrat empfohlene nationale Förderprogramm für die Infrastrukturen legten sich die Vertreter des Ministeriums nicht fest.

Strukturen verändern Mentalitäten. Dem Sozialwissenschaftler fällt es leichter als dem Geisteswissenschaftler, dem Empiriker leichter als dem Hermeneuten, sich auch als content manager zu begreifen. Die neue Wissenschaftslandschaft, das wurde in Bonn deutlich, existiert nicht mehr nur als Phrase. Der Professor, der seine Mails ausdrucken lässt oder sich als einsam sinnendes Genie begreift, hat es schwer, in ihr einen Ort zu finden. In Bonn stand niemand auf, ihn zu verteidigen.

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