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Im Gespräch: Luciano Floridi : „Wir brauchen eine neue Definition der Realität“

  • Aktualisiert am

Luciano Floridi Bild: Friedemann Bieber

Datenphilosoph Luciano Floridi zeigt in seiner Theorie des vernetzten Lebens, was passiert, wenn die Grenze zwischen online und offline fällt. Ein Gespräch über runde Roboter und eckige Hauskanten, das Denken in Wahrscheinlichkeiten und editierbare Leben.

          8 Min.

          Professor Floridi, warum sorgen wir uns so um die Zukunft? 

          Das ist eine normale Reaktion auf Ungewissheit. Man betritt einen dunklen Raum und das erste, was einem in den Sinn kommt, ist: Lauert dort etwas? Es wäre ziemlich irrational, sich nicht vor Unbekanntem zu fürchten. Ein weiterer Grund ist, dass wir mehr und mehr von Technologien umgeben sind, die wir nicht verstehen. 

          Aber es gab doch auch in der Vergangenheit Technologien, die wir nicht verstanden haben. Das Telefon zum Beispiel: Nach seiner Erfindung fürchtete man zunächst, es würde die gesellschaftliche Ordnung stören und die Grenzen zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum einreißen. Was ist heute anders? 

          Der Unterschied liegt darin, dass die neuen Technologien hochgradig eigenständig sind. Wenn Ungewissheit und Autonomie zusammenkommen, ist es schon angebracht, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was passieren könnte. Wenn, sagen wir, der Thermostat das Haus heizt, während ich weg bin, dann bekomme ich eine gewaltige Stromrechnung. Sollte ich mir deshalb Sorgen machen? Manchmal schon. Wenn Ungewissheit und Autonomie bei Atomkraftwerken zusammenkommen, ist Sorge keine schlechte Idee. Aber ich denke nicht, dass wir das richtige Maß finden. Wir pendeln ständig zwischen zwei Extremen, einem einfältigen kalifornischen Optimismus einerseits – "alles wird ganz großartig sein!" – und einem Weltuntergangsgefühl – "alles wird nur noch schlimmer" – andererseits. Die langweilige Wahrheit liegt natürlich irgendwo dazwischen.

          Über die Möglichkeit einer künstlichen Intelligenz sprechen wir auf ähnliche Weise, als Höhepunkt menschlichen Fortschritts, wie auch als Bedrohung unserer Existenz. Stephen Hawking rät der Menschheit gar zur Flucht ins all, bevor die KIs die Kontrolle über die Erde an sich reißen. Sind die Sorgen berechtigt? 

          Sind die KIs ein Risiko für den Arbeitsmarkt? Ja. Gefährden sie die menschliche Kontrolle über die Erde? Nein. Diese ganze Debatte über KIs, die die Weltherrschaft an sich reißen, ist Science Fiction und im besten Fall naiv. Im schlimmsten Fall steht dahinter der suspekte Versuch, die Menschen hinter den Maschinen aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Warum sprechen wir nicht über die wirklichen Probleme?

          Was sind denn die wirklichen Probleme? 

          Wir sollten uns auf die Auswirkungen auf das menschliche Leben konzentrieren. Einer der wichtigsten Gründe, weshalb die Technologien, die wir entwickeln, funktionieren, liegt darin, dass die Welt immer IT-freundlicher wird. Die Tatsache, dass wir unsere Umwelt zunehmend an Maschinen anpassen, ist eines der Dinge, über die wir nachdenken sollten. Ein Beispiel: Wir haben zu Hause einen Roboter, der unser Haus sauber macht, Roomba. Er funktioniert großartig, aber er passt nicht unters Sofa. Also überlegen wir, ob wir uns ein neues, höheres Sofa kaufen sollen. Wir passen uns an Roomba an. Nun hat das Haus aber auch Ecken – und die kann der runde Roomba nicht erreichen. Kaufen wir jetzt ein neues Haus?

          Trotzdem argumentieren Sie in Ihrem Buch Die vierte Revolution, dass unser Nachdenken über die Zukunft zu anthropozentrisch sei, vor allem, wenn man bedenkt, dass Maschinen uns in vielerlei Hinsicht schon überflügelt haben.

          Es ist tatsächlich erstaunlich, wie anthropozentrisch wir immer noch denken. Wenn wir sehen, wie eine Maschine eine Aufgabe bewältigt, dann vergleichen wir das mit unserer Intelligenz. Wenn wir über ethische Fragen nachdenken, stellen wir unsere Interessen vorne an, nicht die der gesamten Umwelt. Wir sehen ja, wohin das führt: Wir sind im Begriff, den Planeten unbewohnbar zu machen. Vielleicht ist es Zeit, etwas zu verändern. 

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