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Im Gespräch: Patrik Schumacher : Der Algorithmus gestaltet subtiler

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Um 1960, als beispielsweise Brasilia entstand, wurden Städte noch auf dem Reißbrett entworfen. Man hat gesagt: Hier ist das Businesszentrum, dort sind die Wohnungen. So etwas geht heute nicht mehr. Die staatliche Planung von Städten und Vorstädten kollabiert zunehmend. Die Marktprozesse sind freier geworden und produzieren eine unkontrollierbare Urbanisierungs- und Agglomerationslogik. 

Bedeutet diese geringere Planbarkeit, dass wir Architektur mit mehr Möglichkeiten der nachträglichen Veränderung und Anpassung an das Umfeld denken müssen? 

Ja. Vor allem die Verdichtungsprozesse in den Städten sind nicht vorhersehbar, man muss mit viel mehr Kontingenzen rechnen. Der Stil des Parametrismus, den ich vertrete, hat sich genau darauf eingestellt. In der klassischen modernen Architektur gab es nur eine Handvoll geometrische Formen, Quader in verschiedenen Proportionen, Zylinder, Kuppeln und die Kombination aus diesen. Wir arbeiten heute mit ganz anderen Bausteinen, mit Grundkörpern, die von Anfang an mit viel Freiheit ausgestattet sind, amöbenhaften Formen, die auf die Nachbarschaft mit zusätzlichen, später eingeführten Elementen reagieren. Das sind offene Systeme, die in ihrer Figurenform viele Einflüsse aufnehmen und diese auch sichtbar machen.

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Warum ist das wichtig? 

Mir ist wichtig, dass ich von einem Ort ablesen kann, wo ich bin und was ich zu erwarten habe. Ich muss in einer sehr komplexen Umwelt navigieren können. Es geht um ein Transparentmachen der Räume. Momentan läuft es so, dass sich Städte verdichten und Gebäude aufeinander drängen – aber sie tun das nicht auf eine artikulierte Weise. Ich nenne das „Müllhalden-Städtebau". Zudem scheint Urbanisierung auf der ganzen Welt nur ein einziges Bild zu entwickeln – das einer chaotischen Landschaft ohne Charakter. Die Vorstadt von Peking sieht genauso aus wie die Vorstadt von Dallas, oder so scheint es zumindest, obwohl die einzelnen Bestandteile in Wirklichkeit anders sind. Es gibt zwar diese Komplexität, die Nähe von Gebäuden zueinander, aber die ist weder visuell, noch kognitiv nachvollziehbar. Es gibt keine Ordnung, weil jeder Architekt mit einem anderen Stil, anderen Materialien und Farben baut, die visuell nicht in eine Sprache übersetzbar sind. 

Wie könnte man so eine Übersetzung erreichen? 

Schauen wir uns ein Beispiel der Natur an, eine Urwaldlandschaft mit Flüssen und Vegetation, in der alle Figuren und Formen nach Gesetzen entstehen, die aufeinander reagieren. Berge wallen sich auf. Ein Fluss findet seinen natürlichen Weg, und deshalb kann man auch ahnen, wo Flüsse liegen könnten, nämlich in den Tälern. Auch die Vegetation fügt sich nach Gesetzen ein – am Südhang ist sie anders als am Nordhang. Es gibt immer Regeln, Algorithmen. Wenn ich Straßen in eine Landschaft lege, folgen die auch einem Gesetz, ähnlich wie der Fluss. Meine Vision von Architektur ist also, über Algorithmen, über assoziative Logiken, Dinge zu entwickeln, die sich visuell wie eine natürliche Umgebung aufschließen. Der Parametrismus geht auf spezifische Topographien ein, auf spezifische klimatische Bedingungen und schafft so einzigartige urbane Identitäten.

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