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Die schwäbische Venus : Sexuelle Energie aus der Eiszeithöhle

Was bedeutet sie? Die „Venus vom Hohle Fels” in Seiten- und Frontalansicht Bild: AFP PHOTO/H. Jensen/ University of Tübingen

Da sind die Steinzeitforscher aber sprachlos: In Schwaben wurde die bislang früheste Skulptur der Menschheit entdeckt. Aber sie zeigt kein Jagdtier und kein Fabelwesen - sondern eine Frau.

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          Mit dem Wort „Sensation“ sollte man vorsichtig sein - insbesondere in der Archäologie der Vor- und Frühgeschichte. Denn je weiter zurück die Zeiten liegen, desto weniger Bedeutung haben Einzelfunde. Unser Wissen über die Altsteinzeit etwa, die Epoche vor dem Ende der letzten Eiszeit, stützt sich fast nur auf Statistiken: Pfeilspitzen, Steinabschläge, Knochenabfälle. Fachartikel aus diesem Bereich enthalten vor allem Tabellen. Heute jedoch erscheint im britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“ eine Publikation mit einem Bild - und einem ziemlich expliziten noch dazu.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das gerade einmal sechs Zentimeter hohe Elfenbeinfigürchen zeigt eine Frau, zwar ohne Kopf und Füße, dafür mit einer vollständig erhaltenen Öse, die das Stück als Anhänger ausweist - und sehr betonten Geschlechtsmerkmalen. „Das Stück ist aufgeladen mit sexueller Energie“, sagt Nicholas Conard, der Autor des „Nature“-Artikels. Ansonsten räumt der Archäologe und Professor für Urgeschichte an der Universität Tübingen ein, ziemlich sprachlos zu sein angesichts dieser Figurine, auf die sein Grabungsteam im September vergangenen Jahres im „Hohle Fels“ stieß, einer Höhle am Ufer der Aach in der Schwäbischen Alb, unweit von Blaubeuren. In drei Meter Tiefe lag sie, in sechs Teile zerbrochen und in einer offenbar ungestörten Schicht, in der auch Tierknochen lagen, offenbar Speisereste. Mit Hilfe der Radiocarbonmethode hat man ihr Alter auf mehr als 35.000 Kalenderjahre geschätzt.

          Vorliebe für Damen mit katastrophalem Body-Mass-Index

          Dieses Alter ist einer der Gründe, warum es sich bei dem Fund tatsächlich um eine veritable Sensation handelt. Denn natürlich kommt einem das Sujet bekannt vor. Üppige Weiblichkeit unter Vernachlässigung von Gesicht und Füßen war ein beliebtes Motiv der sogenannte Gravettien-Kultur, die einst in ganz Europa von den Pyrenäen bis südlich von Moskau ihre Spuren hinterließ, bevor die Kälte am Höhepunkt der letzten Eiszeit ihr ein Ende bereitete. Die berühmte „Venus von Willendorf“ aus Österreich ist die vielleicht bekannteste - aber bei weitem nicht die einzige - Zeugin der eiszeitlichen Vorliebe für Damen mit katastrophalem Body-Mass-Index. Doch zwischen ihr und der jetzt entdeckten „Venus vom Hohle Fels“ liegen archäologisch Welten - und mindestens 10.000 Jahre.

          Die Photomikrographie veranschaulicht die Verarbeitungsweise des Elfenbeins

          Die schwäbische Figurine gehört einer älteren Kulturstufe an, dem sogenannten Aurignacien, mit dem es Besonderes auf sich hat. Das Aurignacien begann vor etwa 40.000 Jahren, augenscheinlich mit dem ersten Vordringen des Homo sapiens nach Mitteleuropa, das bis dahin nur vom Neandertaler besiedelt gewesen war. Die Menschen des Aurignacien waren die ersten, die nachweislich Kunstwerke anfertigten. Weder für Neandertaler noch für frühere Vertreter des Homo sapiens in Afrika oder der Levante lässt sich dergleichen nachweisen. Erst in Europa scheint der Mensch schöpferisch geworden zu sein und hat dabei gerade in den Höhlen der Schwäbischen Alb allerhand hinterlassen: kleine elfenbeinerne Mammuts, Pferde oder Vögel, aber auch menschliche Leiber mit Löwenköpfen - und wie Flöten aus Knochen und Mammutzahn bezeugen, erschöpfte sich der Kunstsinn der aurignacienzeitlichen Schwaben keineswegs im Optischen.

          Avantgardistische Kunst?

          Nur Menschendarstellungen gab es bisher keine, sieht man von wenigen eher schematischen Bildnissen ab, etwa dem in der Fumane-Höhle in Norditalien oder der „Fanny vom Galgenberg“, einer Schieferskulptur, die im österreichischen Stratzing zum Vorschein kam. Dass nun aus dieser frühen Zeit eine Venus auftauchen würde, hätte nie jemand erwartet. „Das ist daher einfach ein wahnsinnig wichtiger Fund“, sagt Olaf Jöris vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, wo die Figur restauriert wurde. „Andererseits gibt es da so viele Details, die an das Aurignacien erinnern.“ Die tief eingeritzten Linienmuster etwa, mit denen die Elfenbeinschnitzer der Schwäbischen Alb ihren Figuren zusätzliche Räumlichkeit verliehen. Die besonders auffälligen waagrechten Linien fallen da allerdings heraus: „Sie fehlen an den Hüften und gehen um die Taille herum“, sagt Nicholas Conard, „daher könnte ich mir vorstellen, dass es Bänder sind oder eine Darstellung von Kleidern.“

          Trotz dieser Detailverliebtheit: Gemessen an dem Naturalismus der übrigen Eiszeitkunst, wirkt die Venus vom Hohle Fels avantgardistisch. Umso verwunderlicher, dass es sich offenbar um die älteste der bisher gefundenen Skulpturen der Schwäbischen Alb handelt. Sie steckte in der alleruntersten Aurignacien-Schicht des Hohle Fels. Das könnte bedeuten, dass die Bildhauerei gleich mit der Ankunft des Menschen in Europa einsetzte. Conard jedenfalls schließt dies aus Elfenbeinschnipseln in noch älteren Schichten einer Nachbarhöhle, während Olaf Jöris das mit dem Hinweis auf elfenbeinerne Projektilspitzen, von denen die Schnipsel ja auch stammen könnten, für nicht erwiesen hält. Nun wird sich diese Frage durch weitere Funde vielleicht einmal klären.

          Die Funktion ist völlig offen

          Viel weniger dürfte sich feststellen lassen, welchem Zweck die kleine Venus einst diente. „Die Ähnlichkeit zu den gravettienzeitlichen Venus-Skulpturen spricht für eine extreme Kontinuität in der Glaubenswelt“, sagt Conard, der mit dem neuen Fund auch die einseitige Interpretation der Aurignacien-Kunst als Ausdruck schamanistischer Vorstellung und der Verehrung von „Kraft und Aggression“ in Frage gestellt sieht.

          Was die Venus vom Hohle Fels aber stattdessen bedeutet, ob und was sie mit Sexualität oder Fruchtbarkeit zu tun hat, das ist völlig offen. Und wie schwer es ist, vorbehaltslos auf solche Stücke zu blicken, zeigt eine Erfahrung, die Conard gemacht hat: „Ich habe das Stück einem Kollegen gezeigt, einem Mann, und der sagte: ,Na, da hat sich ja in den letzten 40.000 Jahren nicht viel geändert.' Dann habe ich es einer Frau gezeigt, und die sagte: ,Ganz klar: Das gehört zur Ausstattung einer Frau; es war etwas, das dabeizuhaben gut war, wenn es um eine Geburt geht.'“

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