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Mythen der Migrationsforschung : Die Realität kann sie nicht stoppen

  • -Aktualisiert am

Das vielfach unverstandene Objekt der Migrationsforschung: Migranten nach der Ankunft in Griechenland Bild: AFP

Viele Migrationsforscher üben sich in wohlfeiler Kritik und realitätsfernen Postulaten. Forschung verstehen sie als Lobbyarbeit, abweichende Befunde werden ignoriert. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Die vier Wissenschaftler beben: vor Empörung. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, im September 2015, rief der „Rat für Migration“ zur Bundespressekonferenz und sprach von „Repressionsschraube“, „Abwehr und Abschreckung“ und der „Logik des Sterbenlassens“. Sie, die Migrationsforscher, hatten es schon immer gewusst („seit spätestens 2000“, „seit den 70er Jahren“, „seit Jahrzehnten“, „ein „Scheitern mit Ansage“). Auch sonst verfügen die Ratsmitglieder über ein beachtliches Wissen. „Die Wissenschaft“, wie die Selbstbezeichnung lautet, kennt den Schuldigen: Das „tödliche Grenzregime“ um die „Festung Europa“ trägt alle Verantwortung für jeden auf der Flucht Gestorbenen und irgendwie auch für die überlebenden Flüchtlinge. Als Gründe für das komplette Fehlverhalten „der Politik“ werden deren irrationale „Ängste“ genannt. Die „Blasen“ der Flüchtlingslager wiederum könnten leicht verhindert werden. Warum denn - Augenrollen - „die Regierung“ nicht endlich „flexible Konzepte“ bereitstelle, um mit der Zuwanderung fertig zu werden?

          Immer wieder laufen solche monochromen Wissenschaftlerrunden ab, in denen sich die Beteiligten vielsagend bestätigen, schneidig einen totalen Neuanfang in der Einwanderungspolitik fordern und in Endlosschleife das „restriktive Migrationsregime“ Deutschlands beklagen. Die „Neue Züricher Zeitung“ spottet über den „politisch-akademischen Gottesdienst unter den deutschsprachigen Migrationsforschern“, deren zentrales Dogma besage: Alle Integrationsprobleme sind einzig der Diskriminierung der Einwanderer durch das Aufnahmeland geschuldet. Was eigentlich ist der Sinn einer solchen Migrationsforschung? Auf jeden Fall treibt sie die Hysterie an und lässt die Verbitterung auf der anderen Seite steigen.

          Diese andere Seite, die Pegida- und AfD-nahen Bürger, kann zwar in aller Regel keine Professoren aufweisen, lebt dafür aber in einer ähnlichen Gefühlslage: Da läuft etwas ganz grundsätzlich schief im Lande, „die Politik“ führt Böses im Schilde, ist verstockt und konzentriert ihre Arbeit darauf, die Grundrechte abzuschaffen. Beide Seiten steigern sich in einen Alarmismus, der mit verblüffender Selbstgerechtigkeit die demokratischen Institutionen denunziert.

          Gestaltungskraft der Migranten

          Ja, es ist gut, wenn die Lobbyarbeit für die Schwachen lautstark betrieben wird. Und fraglos gibt es eine breite, hervorragende Migrationsforschung in der Bundesrepublik. Doch die heilsame Wirkung einer engagierten Wissenschaft droht ins Gegenteil zu kippen, wenn sie komplexe Zusammenhänge übersieht, Scheinargumente liefert und phantastische Forderungen als „Wissenschaft“ präsentiert.

          Dabei ist die vorgezeigte Distanz „der Wissenschaft“ zu „der Politik“ nur eine scheinbare. Denn diese Migrationsforscher sehen sich ja ausdrücklich als „Politikberater“. Und in dieser Rolle wollen sie allzu häufig empirische Befunde nicht wahrnehmen, die nicht zu ihrem Beraterjob passen.

          Da die Aufnahmegesellschaft in dieser Weltsicht als einziger Akteur in Frage kommt - häufig in Form „der Regierung“ -, bleiben die Migranten die passiven Opfer. Doch das ist ein Ansatz, den die internationale und eigentlich auch die deutsche Migrationsforschung seit Jahren hinter sich gelassen hat, indem sie die „Agency“ der Migranten betont und deren Rolle als selbstbewusste Gestalter ihres Lebens beschreibt.

          Im Dienste der Staatskritik hielt sich so über Jahrzehnte in der Gastarbeiter-Forschung die Formel vom „Mythos der Rückkehr“: In Verblendung und steter Ausländerfeindlichkeit sei die Bundesrepublik Deutschland davon ausgegangen, dass die Migranten wieder in ihre Heimat zurückgingen, anstatt zur Kenntnis zu nehmen, dass die „Gastarbeiter“ für immer hier blieben. Dabei ist die überwältigende Mehrheit der Arbeitsmigranten tatsächlich zurückgekehrt. Für die Rückkehrer aber interessierte sich die engagierte Forschung nicht, weil sie ja Politik für die Hiergebliebenen betreiben wollte.

          Verengung auf Politikberatung

          Teil der Betriebsblindheit sind auch die zahlreichen Studien, die das bundesrepublikanische „Einwanderungsregime“ als einmalige Kette außerordentlicher Fehlleistungen darstellt, wobei die Konstruktionen von vermeintlichen Kontinuitäten zur NS-Zeit besonders beliebt sind. Die Wissenschaftler übersahen dabei in ihrem selbstgerechten Eifer, dass Migration in anderen Ländern mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat. Warum beispielsweise konzentrierten sich diese Wissenschaftler so intensiv auf die Staatsangehörigkeit, die durch die Bundesrepublik nur zögerlich verliehen wurde, und nahmen nicht zur Kenntnis, dass in Frankreich die Staatsbürgerschaft für viele Migranten keine effektive Hilfe geboten hat? Offenbar ist die Nationalität für den Integrationsprozess weniger entscheidend als lange Zeit beschworen.

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