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Mythen der Migrationsforschung : Die Realität kann sie nicht stoppen

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Auch vom destruktiven Potential religiöser Traditionen mag die politikaffine Forschung lieber nichts hören. Religion als Chance hört sich viel besser an, und sie soll bei den Menschen nicht die gefürchteten „Ressentiments“ hervorrufen.

Mit der Verengung auf die Politikberatung bleibt die Frage ausgeblendet, welche Rolle die Ressourcen der Migrantinnen und Migranten spielen. Dass die anhaltende Isolation der türkischstämmigen Einwanderer auch wesentlich mit der extrem schlechten Schulbildung der ersten Generation zusammenhängt, gilt da als überflüssiges Detailwissen. Dass überhaupt erwachsene Analphabeten kaum Chancen darauf haben, ihr Bildungsdefizit auszugleichen und eine gute Arbeit zu erhalten, dass sich Männer nach allen empirischen Erhebungen schwerer mit der Integration tun als Frauen, dass Männlichkeitsvorstellungen einen erheblichen Einfluss auf den Migrationsprozess haben: Kann eine kritische Analyse das leichtfüßig einfach umgehen?

Die Trennlinie verläuft zwischen Genauigkeit und Klischee

Entsprechend werden in Deutschland die Befunde des Berliner Migrationsforschers Ruud Koopmans gerne ignoriert, der den Zusammenhang von Integration mit der Assimilationsbereitschaft der Migranten nachweist, also mit ihrer Fähigkeit, die neue Sprache zu erlernen, Arbeit zu finden und den säkularen Staat zu akzeptieren. Die „Neue Züricher Zeitung“ machte auf das deutsche Desinteresse aufmerksam, das im Widerspruch zur internationalen Beachtung Koopmans steht, und zitierte den Migrationsforscher: „Ich stelle eine extreme Intoleranz in der Integrationsforschung gegenüber abweichenden Meinungen fest und, schlimmer noch, ein totales Desinteresse an Forschungsbefunden, die nicht ins eigene Denkschema passen.“

Angesichts einer Wissenschaft, die sich als Teil der aktivistischen Szene versteht, bleiben Scheinargumente für die gute Sache nicht aus - intellektuell untertourig, aber dafür mit Pathos vorgetragen. Etwa die Behauptung, keine Grenzsicherung der Welt könne die Flüchtlinge aufhalten. Doch nicht erst die aktuelle Politik in Europa zeigt, wie falsch das ist; in Australien lässt sich die Effektivität (nicht die moralische Güte) einer strengen Grenzkontrolle schon seit Jahren nachverfolgen.

Von ähnlicher Güte ist die Feststellung, es gebe keine Armutsmigration, weil die Allerärmsten sich Migration nicht leisten können; als ob es jenseits der bittersten Not keinen materiellen Mangel gäbe, der Menschen die Auswanderung in wohlhabendere Länder attraktiv erscheinen ließe. Auch der Hinweis darauf, dass die große Mehrheit der Flüchtlinge gar nicht zu uns kommt, gehört in diese Kategorie; die „Festung Europa“ werde, recht besehen, weitgehend von Flüchtlingen umgangen. Dabei wird unterschlagen, dass in Europa jeder Flüchtling das Recht auf gute Versorgung hat, während die Geflüchteten in den Krisengebieten bestenfalls in Ruhe gelassen und ansonsten weitgehend vom Westen versorgt werden.

Das empirische Desinteresse offenbart, was solchen Forschern am Herzen liegt. Die Geste des prophetisch Mahnenden und couragiert Fordernden hat viel mit Selbstrepräsentation und hegemonialer Diskurshoheit zu tun. Wie viel mühsamer ist es da, sich in die Tiefen einer Auseinandersetzung zu begeben, die der Philosoph Heiner Bielefeldt einfordert: Die Trennlinie einer „liberalen, aufgeklärten Diskussionskultur“ verlaufe nicht zwischen freundlichen und weniger freundlichen Darstellungen der Migranten, erklärt Bielefeldt, „sondern zwischen Genauigkeit und Klischee“.

Doch der Verzicht auf Genauigkeit in Kombination mit Empirie-Resistenz ermöglicht wohlfeile Forderungen: Deutschland sollte neben Syrern und Irakern auch Menschen aus anderen „Kriegsregionen im afrikanischen Kontinent“ ungeprüft Asyl gewähren. Als ein besonders engagierter Migrationshistoriker gefragt wurde, warum denn überhaupt noch irgendwelche Restriktionen und Asylregelungen notwendig seien, wenn es weder Armutsmigration noch Asylmissbrauch gebe, antwortete der Historiker gewitzt: „Nationalstaaten meinen Grenzen haben zu müssen, das ist eine Tradition, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat.“ Sounds like a plan. Wenn da nur nicht diese schäbige „Politik“ wäre, dann hätten wir längst den ewigen Frieden.

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