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Informatik : Die neue Reflexionselite bleibt stumm

  • -Aktualisiert am

Autonom, aber nicht reflexiv: Roboter auf der Cebit Bild: Picture-Alliance

Zu öffentlichen Intellektuellen hat man sie berufen, zu technischen Optimierern bildet man sie aus. Das Informatik-Studium wird dem neuen Rollenbild nicht gerecht.

          Die Zeiten, in denen Informatik-Studenten der Vorlesung lauschten, mitschrieben und vor der Prüfung ihre Köpfe in das angebotene Skript steckten, sind lange vorbei. Hält man heute eine Vorlesung in der Informatik, wird kein zukünftiges Mitglied der „Eliten der Automation“ (Klaus Bednarik) mehr handschriftliche Notizen machen. Profundes Missfallen erntet man, wenn man die gezeigten Folien nicht zum sofortigen Download anbietet. Darin unterscheiden sich die Informatik-Studenten kaum von den Kommilitonen anderer Fächer.

          Auch stofflich blieb wenig beim Alten. In der kurzen Zeit, die es die Informatik an den Universitäten gibt, haben sich die Lehrpläne mehrfach gewandelt. Aufgrund der Drittmittellastigkeit ist ein Hang zu industrienaher Forschung typisch geworden. Geblieben ist die hohe Präsenz mathematischer Inhalte im Grundstudium - schließlich dreht es sich bei der Informatik im Kern um die Zahlen und das Rechnen. Auch Konstruktion, Programmieren und Datenverarbeitung bleiben zentral. Hinzu kam der verstärkte Blick auf Kommunikation und Vernetzung, seit Computer auch Medien-, Unterhaltungs- und eben Kommunikationswerkzeuge geworden sind.

          Vollkommen verändert hat sich aber die Wahrnehmung der universitären Informatik, der heute eine geradezu gesellschaftsverändernde Qualität nachgesagt wird. Die Auffassung ist verständlich angesichts einer durch und durch von speicherprogrammierten Digitalrechnern abhängigen Gesellschaft. Aber löst sie das auch ein? Seit den achtziger Jahren ist eine ganze Industrie entstanden, deren Erfolg die Hardware und deren Problem die Software ist. Entsprechend groß sind die Bemühungen, die Studentenzahlen zu erhöhen und die Studienabbruchquote zu senken, da die Unternehmen routinemäßig über zu wenig qualifizierte Absolventen klagen. Wer soll denn in Zukunft die hochkomplexe Software erstellen, die uns täglich umgibt?

          Das Universum in der Mikroplatine

          Andernorts ist man längst dabei, das Problem nicht nur zu beklagen, sondern auch anzugehen. Denn der Schlüssel für das erfolgreiche Voranbringen der Universitätsinformatik ist die Schule. Die britische BBC hat eine lange Tradition der großzügigen Interpretation ihres öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags. Schon in den achtziger Jahren wurde im Rahmen des „BBC Computer Literacy Project“ mit Partnern aus der Industrie ein kleiner Computer, der „BBC Micro“, mit Fokus auf die schulische Ausbildung entwickelt. Die BBC produzierte in Kooperation mit Pädagogen Videos und TV-Programme, um die Basistechniken der damaligen Computertechnik zu lehren. Die ARD hatte nach diesem Vorbild vor Jahrzehnten ähnliche Bemühungen gestartet und begonnen, den Umgang mit und die Programmierung von Computern über eine TV-Lernreihe ins Programm zu nehmen, um sie den Massen nahezubringen.

          Das einstige „BBC Computer Literacy Project“ hat mit dem „BBC micro:bit“ (https://www.microbit.co.uk/) nun eine ausgesprochen zeitgemäße Reinkarnation erfahren. Der micro:bit ist eine kleine Computerplatine mit eingebautem Kompass, Bewegungssensoren, vielen LEDs und Tasten, der sich sehr einfach programmieren lässt. Die Lehrfilme und -programme zeigen, wie sich damit kleine Spielzeuge, Roboter, intelligente Alltagsgeräte bauen und gestalten lassen - kurz: das ganze Universum des so populären „Internet of Things“.

          Verteilt wird der micro:bit kostenlos an alle siebenjährigen Schüler in Großbritannien, seine Verwendung wird in das Unterrichtscurriculum integriert. Die informatisch-didaktische Aufbereitung des Projektes ist superb. Man kann nicht nur mit einfachsten Mitteln, die selbst Siebenjährige verstehen, programmieren lernen, sondern steigert sich sukzessive in immer anspruchsvollere Programmiersprachen. Es wird ein unersetzliches Gefühl dafür vermittelt, wie schnell, zuverlässig und komplex das Programmieren und Steuern von Computern sein kann.

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