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Die Lage an den Universitäten : Bildung als Schnäppchenjagd

  • -Aktualisiert am

Manifestation einer Idee: der Haupteingang der Berliner Humboldt-Universität mit den Standbildern derHumboldt-Brüder Bild: ddp

Erst hat sich's ein-, jetzt hat sich's ausgebildet: Wovon alle reden, worum sich aber niemand kümmert - über das Verschwinden einer Leitidee aus der deutschen Hochschulpraxis.

          Während der Studentenstreiks schien es für einen Moment, als erlebe eine Leitidee einen unerwarteten Frühling. „Bildung für alle, und zwar umsonst“, skandierten die Studierenden im Winter ihres Missvergnügens. Doch die Karawane ist weitergezogen, die Reform der Bologna-Reform wird nun administrativ eingenordet, und genau dieser Ruf schien unter den Forderungen am wenigsten Realitätsbezug aufzuweisen. Statt dessen wird nun weiter modularisiert und an Credit-Points gefeilt.

          Der Vorstellung von „Bildung“ als Aufgabe der Universität hingegen haftet die Patina des Unzeitgemäßen an. Als hochschulpolitische Forderung ging sie in den Zeiten der klassischen Bildungsreform eine Allianz mit der Ausweitung der Studierendenzahlen ein. Dreißig oder vierzig Jahre ist das nun her. „Bildung für alle“ war damals eine soziale Utopie in Zeiten politischer Planungseuphorie. Hinter der Parole stand das Bewusstsein der Relevanz: Bildung als Möglichkeit und Bedingung der Teilhabe an Staat und Gesellschaft.

          Pragmatische Absichten

          Dass diese Idee keine Parole der Stunde mehr ist, liegt zunächst am Verblassen der politischen Imperative, die als Reform einst von oben kamen. Zugleich darf man nicht übersehen, dass sich auch seitens der Studenten die Erwartungen an die Hochschule verschoben haben. Berufsausbildung lautet ihr ebenso solider wie stumpfer Wunsch, oft getrieben von Sorge und Zukunftsängsten. Ihre Erwartungen gleichen in oft irritierender Weise den kleinteilig normierten Inhalten, die Studienordnungen und Programmtexte der Hochschulen vorgeben. Von Idealen mag man da gar nicht reden.

          Wer sich dort auf Spurensuche nach einer Idee von Bildung begibt, erlebt eine Überraschung. Das Wort scheint unpopulär oder unpassend, jedenfalls ist das Schweigen gerade dort verblüffend, wo man seine Erwähnung erwarten würde. Den einzelnen Studiengängen ist „Bildung“ kein primäres Ziel. Ihnen ist an der Vermittlung von Methoden und Wissenschaftlichkeit gelegen, das programmatische Bekenntnis zu diesen wird durch umfassende Angaben zu fachlichen Inhalten ergänzt.

          Am Ende scheint der Absolvent einer Hyperspezialisierung näher als allem anderen. Dieses Ergebnis der akademischen Lehre bildet freilich auch jenen Trend der Forschung ab, die Vorreiterin in dieser Richtung war: Atomisierung der Perspektiven und Ausdifferenzierung der Disziplinen, bis am Ende das gelungene Gespräch auch unter Vertretern eines Fachs ein ungewohnter Glücksfall ist; man arbeitet ja momentan nicht zum gleichen Thema.

          Hier müsste mal deutlich Fraktur gelesen werden

          Allenfalls in den Komposita der Universitätsbürokratie lebt Bildung fort: Weiterbildung, Pflichtfachausbildung und vor allem Schwerpunktbildung begleiten die Studierenden von der Immatrikulation bis zum Abschluss. Jenseits dessen ist auf wenig mehr zu hoffen, auch wenn sich in manchem Hochschulentwicklungsplan, etwa in Frankfurt 2001, noch in hohem Ton zur „Vermittlung von Bildung“ bekannt wird. Ob das wirklich normiert und geprüft wird? Die Juristen jedenfalls gehen wie eh und je zu den Technokraten der Prüfungsvorbereitung, den kommerziellen Repetitoren, um erschreckende Stoffmengen eingetrichtert zu bekommen. (Für Defizite in der Bildung gibt’s übrigens keine Einpauker; vermutlich weil Aufwand und Ergebnis nicht zu rechtfertigen sind.)

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