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Kurdologie im Aufbruch : Die frühen Jahre der PKK

  • -Aktualisiert am

Sympathisanten des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan in Diyarbakir Bild: Reuters

Die Kurdologie war lange so verstreut wie ihr Forschungsgegenstand. Jetzt sammelt sie sich im Internet. Hier bietet sie spannende Einblicke in die Frühgeschichte der PKK.

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          Ihre geographische Zerstreuung und interne politische Streitigkeiten haben sich auch auf die Erforschung der kurdischen Kultur ausgewirkt. Doch das Internet brachte die Kurdologen wieder zusammen. So wurde schon 2009 auf einer Fachtagung an der Universität Exeter, wo drei Jahre zuvor ein Institut für kurdische Studien eingerichtet worden war, von dem türkisch-kurdischen Historiker Welat Zeydanlioglu das „Kurdish Studies Network“ (KSN) ins Leben gerufen. Das Forschernetzwerk, dem rund tausend Wissenschaftler, Journalisten und Aktivisten angehören, informiert auf seiner Website über die verschiedenen Bereiche dieses Forschungsgebiets und listet fortlaufend, beginnend im neunzehnten Jahrhundert, die wichtigsten Publikationen auf.

          Seit 2013 veröffentlicht das KSN auch die interdisziplinär ausgerichtete wissenschaftliche Internetzeitschrift „Kurdish Studies“. Der im Netz frei zugänglichen Publikation soll das Schicksal früherer kurdologischer Periodika erspart bleiben, die im Druck erschienen waren. Die Berliner „Kurdischen Studien“ und das im belgischen Löwen herausgegebene „Journal of Kurdish Studies“ mussten 2005 beziehungsweise 2008 eingestellt werden.

          Im Vorwort zur ersten Ausgabe der „Kurdish Studies“ hob der niederländische Kurden-Experte Martin van Bruinessen die Vorzüge der Forschungsinitiative hervor. Anders als das erwähnte kurdologische Institut in Exeter, das von der irakisch-kurdischen „Patriotischen Union Kurdistans“ (PUK) mitgetragen werde, anders auch als die ebenfalls relativ neue Kurdologie-Dozentur an der Amerikanischen Universität Washington, die nach Mustafa Barzani, dem Gründungsvater der mit der PUK rivalisierenden „Kurdischen Demokratischen Partei“ (KDP), benannt sei, zeichne sich das Forschernetzwerk durch politische Unabhängigkeit aus. Es habe sich in kürzester Zeit zu einem „virtuellen Institut für kurdische Studien“ entwickelt, das den Mangel an einschlägigen Forschungseinrichtungen an westlichen Universitäten zumindest teilweise kompensiere.

          Verbindungen zur palästinensischen Befreiungsbewegung

          Die bisherigen rund ein Dutzend Beiträge der Zeitschrift befassen sich meist mit den Siedlungsgebieten der Kurden, auf die sich die Forschung schon früher konzentrierte: der Türkei und dem Irak. Die kurdischen Minderheiten in Syrien und in Iran werden am Rande behandelt. Originell sind die Betrachtung der Kurden-Problematik aus regionaler wie globaler Perspektive und der komparative Ansatz einiger Aufsätze. Dort werden Ähnlichkeiten zwischen dem kurdischen Fall und der ethnisch-nationalen Bewegung der Berber in Nordafrika aufgezeigt und die Beziehungen dieser beiden Volksgruppen zu den jeweiligen Diasporagemeinden analysiert.

          In diesen Kontext gehört der Beitrag „,The Palestinian Dream’ in the Kurdish Context“ des aus der Türkei stammenden Konfliktforschers Ahmet Hamdi Akkaya, der in der jüngsten Zeitschriftenausgabe (Nummer 3, 2015) erschienen ist. Akkaya, der in Gent über die Geschichte der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) forscht, untersucht die Verbindungen linksorientierter türkischer und türkisch-kurdischer Aktivisten, vor allem aus den Reihen der PKK, zur palästinensischen Befreiungsbewegung in den siebziger und achtziger Jahren. Dass solche existierten, ist zwar generell bekannt, wenig hat man jedoch bislang über ihre genaue Struktur gewusst. Schon Ende der sechziger Jahre reisten einige Dutzend Mitglieder der „Arbeiterpartei der Türkei“, der ersten sozialistischen Partei, die ins türkische Parlament eingezogen war, in die Trainingslager der palästinensischen Fedayin-Kämpfer in Jordanien. Neben dem linken antiimperialistischen Impetus spielte bei ihnen auch Abenteuerlust eine zentrale Rolle, was an die Beweggründe heutiger ausländischer Dschihadisten in Syrien oder den Irak denken lässt.

          Weit ideologischer motiviert waren die Reisewellen linker türkischer und kurdischer Revolutionäre in die Trainingscamps der Palästinenser im Libanon, die durch die Militärputsche in der Türkei 1971 und 1980 ausgelöst wurden. Damals wurden PKK-Angehörige hauptsächlich von der „Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas“, zu der PKK-Chef Abdullah Öcalan 1979 während seiner Flucht nach Syrien Kontakt aufgenommen hatte, militärisch ausgebildet. Ihre Zahl wuchs bis 1982 auf rund dreihundert. Ein Teil von ihnen kämpfte gemeinsam mit den Palästinensern gegen die israelische Armee, die damals in den Südlibanon einmarschiert war.

          Die israelische Invasion verhalf, wie Akayya schildert, der PKK indirekt zu neuer Stärke. Ihre Kämpfer hatten zwar schon zuvor den Sold, den sie von den Fedayin erhielten, an Öcalans Organisation weitergegeben und sie so finanziell konsolidiert. Nun konnten sie auch noch leicht in den Besitz von Hunderten Kalaschnikows gelangen, die untergetauchte Palästinenser und Südlibanesen aus Furcht vor den israelischen Besatzern schnell loswerden wollten. Der damalige syrische Präsident Hafiz al Assad ließ die PKK diese Waffen gerne in die Türkei schmuggeln, was langfristig eine Destabilisierung der Region bewirkte. Die jüngste Entwicklung zeigt, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hatte. Die nordsyrischen Kurdengebiete haben sich mittlerweile der Herrschaft seines Sohnes Baschar entzogen und werden heute von PKK-Ablegern kontrolliert.

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