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Psychische Krankheiten : Bin ich psycho, oder geht das von selbst weg?

Nehmen psychische Störungen insgesamt zu? Neuere Studien bestreiten das Bild: dpa

Jede Kauzigkeit bekommt heute eine Diagnose verpasst, jedes unangepasste Verhalten gilt als mögliche psychische Störung. Wird die Gesellschaft immer kränker? Oder erkennt die Medizin einfach mehr als früher?

          Wie gelähmt, ohne sich vom Fleck bewegen zu können, muss sie zusehen, wie ihr Verfolger immer näher und näher kommt. Ihre Hilferufe, aus Leibeskräften herausgeschrien, kommen über ein Flüstern nicht hinaus. Ein beinahe stummer Schrei. Bevor sie das Gefühl eines völligen Ausgeliefertseins überwältigt – ausgeliefert an ihren Verfolger, aber auch an die quälende Entgrenzung von Ort und Zeit, an die Auflösung jeder vertrauten Kategorie –, schreckt sie schweißgebadet hoch.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          „Frauen“, sagt Reinhard Pietrowsky, „leiden häufiger unter Albträumen als Männer.“ Pietrowsky ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Düsseldorf und so etwas wie Deutschlands führender Albtraumforscher. Zusammen mit einem Kollegen hat er ein „Nightmare-Therapiemanual“ verfasst und kann über gute Erfolge berichten: sowohl bei idiopathischen Albträumen – also solchen, die scheinbar ursachenlos entstehen – als auch bei Personen, die unter postraumatischen Albträumen oder Albträumen innerhalb einer depressiven Störung leiden.

          Mehr Respekt vor dem Idioten

          Wenn man Albträume als Angststörung betrachtet, sind sie unterdiagnostiziert. Auch Menschen mit hoher Albtraumhäufigkeit suchen nur selten professionelle Hilfe (nur fünfzehn Prozent der Personen, die einmal pro Woche oder häufiger Albträume haben), meistens begnügen sie sich damit, den Traum anderen zu erzählen, gelegentlich auch, ihn aufzuschreiben. Das erleichtert, keine Frage, ist aber natürlich kein Ersatz für das kontrollierte, mehrschrittige Erzähl- und Aufschreibverfahren, das unter dem Namen „Imagery Rehearsal Therapy“ bisher die höchsten Effektstärken zeigt. Aber wir sprechen in Pietrowskys Düsseldorfer Büro (es ist im Labyrinth der Unitürme unter dem Code U1.49 zu finden und erinnert selbst an einen Albtraum ) nicht über den Nachteil, sondern über den Nutzen von Albträumen.

          Pietrowsky sagt nämlich: Ja, Albträume sind unterdiagnostiziert, einerseits. Andererseits werde die heilende Wirkung von Albträumen unterschätzt, weil sie oft zu früh pathologisiert würden. Albträume haben, so Pietrowsky, eine wichtige evolutionäre Funktion bei der Anpassung an Gefahrensituationen. Hier – nächtens, endlich! – komme die nackte Angst zum Tragen, mit der man sich im Wachzustand nicht oder zu wenig auseinandersetze. Immer wieder beobachtet Pietrowsky, dass Menschen, die Albträume haben, bestimmte Belastungssituationen besser bewältigen können. So bewältigten etwa Geschiedene, die nach der Scheidung von ihrem Ex-Partner in belastender Weise träumen, den biographischen Bruch und die Dekategorisierung, die mit ihm einhergeht (das existentielle Aufgeschmissensein), langfristig besser.

          „Wer den Schrecken, den das Dasein bedeutet, im Traum durchlebt, kann sich im Wachzustand oft besser fassen.“ Für Pietrowsky ist der Albtraum nur ein besonders sprechendes Beispiel für die Inflation psychiatrischer Fehldiagnosen. Seine Zunft habe den Bereich der Normalität viel zu lange immer mehr eingegrenzt, bis für jede Exzentrizität, für jedes unangepasste Verhalten eine Diagnose gefunden worden sei. Er beobachte da inzwischen eine Gegenbewegung, nicht erst seit der öffentlichkeitswirksamen Debatte um die Klassifizierung psychischer Störungen im amerikanischen Handbuch DSM-5. Pietrowsky rehabilitiert den Albtraum (in seinem neuen Buch, das im Herbst erscheint, führt er das aus) und erwartet ganz generell, wie er es nennt, mehr Respekt vor dem Idioten.

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