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Deutscher Grundschulvergleich : Die Zuwanderung macht die Differenz

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Die Lesefähigkeit von Personen mit Migrationshintergrund in den westlichen Bundesländern und Berlin
Die Lesefähigkeit von Personen mit Migrationshintergrund in den westlichen Bundesländern und Berlin : Bild: F.A.Z.

Das ist bedauerlich, weil der spezifische Zuwanderungshintergrund in erheblichem Umfang die Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern erklären dürfte. Das legt jedenfalls ein einfacher empirischer Test nahe, den wir auf der Grundlage der Leistungskennzahlen der IQB-Studie und der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen zum Migrationsstatus der Bevölkerung in Deutschland durchgeführt haben. Der Test beschränkt sich dabei auf die westdeutschen Bundesländer und Berlin, weil das Statistische Bundesamt detaillierte Zahlen für Ostdeutschland nur insgesamt veröffentlicht, nicht aber nach ostdeutschen Bundesländern differenziert.

Unsere Grafik illustriert die Ergebnisse dieses Tests für das Fach Lesen. Der Zusammenhang zwischen den Schülerleistungen und den Anteilen aller Migranten an der Bevölkerung (in Bayern 19,7 Prozent, in Bremen 28,2 Prozent) scheint zwar negativ zu sein. Dieser ist aber statistisch nicht signifikant, wie bereits die recht große Streuung der Punktwolke vermuten lässt. Zwischen den Schülerleistungen und den Anteilen der Migranten aus den anderen 26 EU-Staaten (in Bayern 7,3 Prozent, in Bremen 7,0 Prozent) gibt es augenscheinlich überhaupt keinen Zusammenhang.

Ganz anders sieht es indessen aus, wenn man den Anteil der Migranten aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika in den Blick nimmt (in Bayern 5 Prozent, in Bremen 11,7 Prozent). Hier ist der Zusammenhang zwischen Schülerleistungen und Migrantenanteil hochsignifikant negativ. Tatsächlich wird die Variation in den Schülerleistungen zwischen den Bundesländern zum größten Teil allein durch die Variation in den Anteilen von Migranten aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika erklärt.

Nun sagen diese Ergebnisse noch nichts über etwaige kausale Zusammenhänge aus. Zwar legen die Ergebnisse nahe, dass die Unterschiede in den Schülerleistungen im Wesentlichen durch die Anteile von Personen mit spezifischem Zuwanderungshintergrund verursacht werden. Theoretisch denkbar wäre aber auch, dass sich Personen aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika bevorzugt in Bundesländern niederlassen, wo sich die Kinder mit dem Lesen, Rechnen und Zuhören schwertun.

Ebenso denkbar wäre, dass die Schülerleistungen und die spezifischen Migrantenanteile nichts miteinander zu tun haben, sondern beide unabhängig voneinander durch eine dritte Größe bestimmt werden, so dass der hier dargestellte Zusammenhang nur eine Scheinkorrelation misst. Es spricht aber vieles dafür, dass die spezifische Zusammensetzung der Migranten einen starken Einfluss auf die Unterschiede in den Schülerleistungen hat. Schon die oft fehlenden Sprachkenntnisse von Kindern aus diesen Gruppen legen diesen Schluss nahe.

Künftige Schulleistungsvergleiche sollten deshalb den spezifischen Zuwanderungshintergrund der Schüler auf der Bundeslandebene stärker berücksichtigen. Vermutlich wird sich erst dann ein tieferes Verständnis für die gemessenen Leitungsunterschiede ergeben. Auf keinen Fall sollten sich die Spitzenreiter des Leistungsvergleichs jetzt für eine gelungene Schulpolitik selbst loben. Eher sollten sie zur Kenntnis nehmen, dass ihre Grundschulen bislang weniger als in Bremen und Berlin für eine mangelnde Integration von Personen mit spezifischem Zuwanderungshintergrund herhalten müssen.

Berthold Wigger und Georg-Benedikt Fischer lehren Finanzwissenschaft und Public Management am Karlsruher Institut für Technologie.

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